Ab nach Afrika

KFZ Probleme

Die Abenteuerlust und der Versuch, etwas Geld dabei zu verdienen, bringt mich wieder einmal, wie schon 1990 und 1991 dazu ein Auto auf dem Landweg nach Afrika zu überführen. Dieses Mal geht es nicht durch die Zentralsahara, sondern über Marokko, Westsahara und Mauretanien nach Senegal. Meinen Freund Claus kann ich auch für diese Unternehmung gewinnen. Nachdem wir alle Informationsgänge, Einkäufe, Impfungen und Formalitäten erledigt haben, sind wir schließlich zu zweit, jeder mit einem Mercedes 200 Diesel unterwegs nach Afrika. Da Claus kein Französisch spricht, haben wir uns mit zwei Funkgeräten ausgerüstet. Wenn wir uns im Gewirr einer Großstadt verlieren, kann es das gegenseitige Wiederfinden enorm erleichtern. Nebenbei ist es auch nicht so langweilig, alleine im Auto zu sitzen, wenn man sich mit dem anderen über Funk unterhalten kann.
Gleich zu Anfang prägt sich ein Bild in mein Auge. Der Benz von Claus hüpft vor mir her, wie ein weißer Frosch. Der linke, hintere Stoßdämpfer ist kaputt, und das Rad flattert, als wolle es jeden Moment davonfliegen. Doch bevor wir uns mit diesem Problem beschäftigen können, streikt die Bremse von Claus' Wagen. Noch in Deutschland besorgen wir Bremsbeläge und bauen sie am darauffolgenden Morgen in Frankreich ein.
Dann in Südfrankreich fällt Claus plötzlich zurück. Sein Wagen läuft nicht mehr richtig. Wir vermuten einen verstopften Kraftstofffilter. Jetzt beginnt der Wettlauf mit der Zeit, denn es ist Samstag Abend. Wenn wir hier einen Tag verlören, verlören wir in Dakhla noch einmal vier Tage, weil wir den Konvoi vom Freitag nicht erreichen würden.
Wir schaffen es, eine viertel Stunde vor Geschäftsschluss eine Filterkartusche zu bekommen. An einer Tankstelle bauen wir sie ein. Leider gibt es wegen etwas verschütteten Diesels eine riesige Sauerei unter dem Auto. Dann stellen wir fest, dass uns eine Dichtung fehlt. Ich versuche die alte mit dem Benzinkocher auszuglühen, doch das geht nur mit Kupferdichtungen. Diese Aludichtung verschmilzt. Ein Stück Leder aus meinem Geldbeutel wird zu einer Dichtung zurechtgeschnitten und kaum drei Stunden später sind wir wieder unterwegs.

Lederdichtung

Doch das Auto bleibt wieder stehen. Den Kern des Problems haben wir demzufolge nicht erwischt. Wir machen uns am Vorfilter zu schaffen, kommen wieder ein Stückchen voran. In den ersten Ausläufern der Pyrenäen will der Benz von Claus wirklich nicht mehr. Es ist Abend, wir sind müde, das Auto steht sehr schlecht platziert in einer Serpentinenkurve. Wir befinden uns inmitten einer gottverlassenen Gegend. Wenn man unsere Geschwindigkeit hochrechnet, so schaffen wir es bestimmt nicht in einer Woche bis Dakhla. Die Stimmung ist nicht sehr gut. Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine Idee! Woran könnte es liegen, dass dieses blöde Auto nicht mehr weiter will? Wenn die Stimmung so schlecht ist, dann bleiben auch die Ideen weg. Darauf trinken wir erst einmal eine kühle Dose Bier. Ich überlege, welches Werkzeug wir dabeihaben, um abzuschätzen, welche Reparaturen wir vor Ort vornehmen könnten. Dabei stoße ich in Gedanken auf den kleinen 12 Volt- Kompressor, den wir fürs Aussanden in der Wüste dabeihaben. Ich schlage Claus vor, die Dieselleitung zum Tank durchzublasen. Wir versuchen es und das war der Volltreffer! Der Daimler läuft wieder wie frisch vom Werk. (Die Biermarke verrate ich nicht.) Und weiter geht's.

Polizeiprobleme

Spät am Abend überqueren wir die unbesetzte Grenze nach Spanien und werden 200m dahinter von der Guardia Civil angehalten. Alles: Papiere, Kofferraum, Gepäck, Fahrgestellnummer, Nummernschilder wird mehrfach geprüft. Die Polizisten sind nett, wir dürfen bald weiterfahren.
Jetzt lassen wir es richtig laufen. Es sind nur wenige andere Autos unterwegs. Die Straße ist kurvig. Ich sehe ein überholverbotsschild, denke mir, mitten in der Nacht wird wohl keine Polizei..., ziehe raus zum überholen, da sehe ich auch schon den Jeep der Guardia Civil am Straßenrand stehen. Claus sagt mir über Funk, dass sie das Licht einschalten und losfahren. Ich gebe Gas, fahre am Limit und glaube, die kriegen uns nicht. Dann sehe ich eine kleine Straße, die links in eine Schlucht hinauf führt. Ich reiße das Steuer herum, wir rasen ein Stück diese kleine Schlucht hinauf. Hinter der nächsten Ecke wollen wir uns verstecken. doch bevor ich Claus übermitteln kann, das Licht auszuschalten, sind die Bullen auch schon neben uns. Wir verstecken schnell die Funkgeräte, dann ist auf jeden von uns eine Waffe gerichtet. Ich lasse die Hände lieber ruhig am Lenkrad. Hier ist es so einsam, so Nacht und so gebirgig, dass mir alles möglich erscheint. Spanien ist nicht mehr Mitteleuropa und von der spanischen Polizei habe ich schon allerhand gehört. Doch es geht alles gesittet zu. Wieder wird alles kontrolliert. Was wir hier machen? Etwas essen. Warum sind die Nummernschilder neu? Warum sind sie mit Schrauben und nicht mit Nieten befestigt? Dieser Schraubenzieher passt genau auf die Schrauben an den Schildern.
Was soll man da sagen? Es ist ein normaler Schlitzschraubenzieher. Sie finden die 20 Kopien mit unseren und den Fahrzeugdaten, die wir für die marokkanischen Polizeikontrollen vorbereitet haben. Das ist für unsre Polizisten hier schon der halbe Beweis, dass etwas faul ist. Deshalb sind sie nicht so schnell weg, wie die anderen. Doch irgendwann lassen sie uns in Ruhe. Wir essen nun Tatsächlich etwas, und das ist unser Glück, denn kaum fünf Minuten später kommt schon wieder ein Fahrzeug angerast. Es sind dieselben Bullen. Ich habe schon Angst, ihnen ist mein überholvergehen eingefallen, doch erneut kontrollieren sie die Fahrzeuge. Sicherheitshalber nehmen sie uns unsere Vespermesser vorübergehend an sich, solange sie uns kontrollieren. Sobald sie weg sind, verlassen wir diesen unglücklichen Ort und übernachten etwas weiter in einem kleinen, versteckten Seitenweg.

Der weite Weg nach Afrika

Tags drauf fahren wir gute 1200 Kilometer. Die Sitze beim Mercedes sind bekanntlich nicht die besten und es ist kein Spaß, soviel an einem Tag zu fahren. Das Wetter ist miserabel. Südlich von Madrid fahren wir in ein Dorf, um etwas zu essen. Dabei müssen wir eine überflutete Unterbrückung passieren. Ein paar Autos stehen liegengeblieben herum, der spanische ADAC hat alle Hände voll zu tun. Im ersten Gang mittlere Drehzahl ist es für unsere Diesel kein Problem, das Wasser zu durchqueren.
Weiter im Süden sehen wir zwei schlimme LKW Unfälle. Ich höre vorsichtshalber auf, während der Fahrt zu lesen. Wir schaffen es bis Algeciras, wo wir in einer abgelegenen Bergstraße übernachten. Leider ist es nicht so ruhig, wie wir es uns vorgestellt haben. Es ist die Zufahrt zum städtischen Müllplatz. Die Müllabfuhren in spanischen Großstädten fahren nachts!, sie kommen nur zu dieser Zeit durch.

Der Tag der Überfahrt

Morgens in Algeciras besorgen wir noch elektronische Teile und Kabel, um das GPS_ ans Autostromnetz anschließen zu können. Es regnet hier seit langem das erste mal und die Straßen sind sehr glitschig. Claus schlittert fast in ein anderes Fahrzeug. Der Fahrer petzt das dem nächsten Polizisten, der uns anhält und uns verbietet, weiter während der Fahrt zu telefonieren.
Auf dem Schiff löten wir die Bauteile mit Hilfe einer Fahrradspeiche, die wir in der Flamme des Benzinkochers erhitzen, zusammen. Es klappt trotz des starken Windes an Deck ganz gut.

Die Grenze

In Ceuta kaufen wir, bevor wir uns etwas bang zur Grenze begeben, zur Sicherheit noch eine große Anzahl Batterien, denn Stromausfall im GPS könnte uns in der Wüste den Arsch kosten.
Nach den Grenzformalitäten werden wir nach Strich und Faden gefilzt, denn dummerweise sehe ich, als ich mit dem ganzen Zettelkram in Richtung meines Autos laufe, zwei Typen darauf herumlungern und hineinglotzen. Ich gehe einen Schritt schneller und mache ihnen schon von weitem klar, dass sie sich gefälligst verkrümeln sollen. Leider sind es die Zollfahnder höchstpersönlich. Sie sind entsprechend beleidigt und wollen nun zeigen, wie gut sie arbeiten können. Alle Ersatzteile, die ich ganz unten verstaut habe finden sie und tragen sie in meinen Pass ein, nur die nicht, die ich in das Ersatzrad eingebaut habe.
Zuletzt werden wir ohne etwas bezahlen zu müssen durchgelassen. Nicht so, ein Italiener neben uns. Er muss umdrehen, weil sein Auto Gasantrieb hat. Der Gastank im Kofferraum sieht aus wie eine potentielle Bombe und König Hassan der zweite von Marokko hat die Hosen gestrichen voll. Wir kriegen noch mit, wie die Beamten einen Mandelschmuggler erwischen. Ein Auto bei dem jede öffnung mit Mandeln vollgestopft ist; Radioloch, hinter den Lautsprechern, unter den Sitzen liegt das Zeug und selbst im Motorraum hängt ein Sack, den keiner mehr rauskriegt. Jeder, der vorbeikommt stopft sich die Taschen voll mit Mandeln. Um das Auto herum und drunter: überall Mandeln. Jeder kaut.

Endlich in Afrika

Im ersten Café trinken wir natürlich einen grüne Tee. Dazu gibt es Steak mit Fritten und Salat. Hier wird der Tee noch angenehm dünn getrunken, bis nach Senegal hinunter wird er immer stärker und süßer zubereitet. Der gleiche Typ von Mercedes wie unserer steht hier in hellblau hundertfach als Taxi herum.
Bis Tanger ist es sehr kurvig und bergig. Nur langsam kommen wir voran. Die Wagen tun sich schwer. Es sind eben keine Kletterer, sondern Roller. Hinter Tanger, einer weißen Stadt von grünen Wäldern und Bergen eingeschlossen, die bildhübsch in einer Bucht liegt, wird es eben. Fast der ganze Tag ist fürs übersetzen nach Afrika und für den Grenzübertritt draufgegangen. Es drängt der Gedanke, bis Donnerstag in Dakhla sein zu müssen. Dennoch gönnen wir uns eine Pause mit Schwimmen im Meer. Wir liegen im Zeitplan. Das Schwimmen tut gut! Gleich drauf müssen wir wieder Kilometer machen. Irgendwo zwischen Rabat und Casa, biegen wir im Dunkeln in einen Feldweg ein, irren mit müden Augen den Lichtkegeln der Scheinwerfer nach, auf der Suche nach einem ruhigen Fleckchen Erde, auf dem wir unsere müden Knochen ausstrecken können und schlafen mitten auf einem Feld, umgeben von Disteln ein.
Morgens bereichert ein alter Mann unsere spärlichen Frühstückszelebralien um Tee, Brot und ein Honig- Buttergemisch. Seine wässerigen Augen blicken freundlich und scheu. Er bleibt, während wir essen. Von der Konversation erwarten beide Seiten nicht viel, aber ein, zwei simple Gedanken werden rübergebracht. Zum Abschied schenke ich ihm eine halbe Melone.
Hier im Norden Marokkos gibt es ein Gewirr von Straßen, im Vergleich zum Süden, wo es nur die direkten Verbindungswege zwischen den weit voneinander entfernten Städten gibt und so kommt es, dass wir uns unbeabsichtigt auf einer einsamen Autobahn Richtung Casablanca wiederfinden. Diese gebührenpflichtige und deshalb unbefahrene Strecke kostet nicht viel Geld, Zeit und Nerven.
Jetzt ist es nicht mehr weit bis Marrakech. Dort angekommen stürzen wir uns ins Getümmel. Ich treffe Mohammed wieder, der spornstreichs seine Arbeit hinschmeißt und mit uns loszieht, einen Stoßdämpfer für das Auto von Claus zu besorgen. Ein langes hin und her zwischen vielen Werkstätten und Schrottplätzen beginnt. Zum Glück können wir Claus Wagen an einem sicheren Ort parken und sind nur mit einem Auto unterwegs. Voller guter Laune pfeife ich mit meinem Benz viel zu schnell durch einen Kreisverkehr und vor lauter Aufmerksamkeit, die ich den anderen Verkehrsteilnehmern zuteil werden lasse, habe ich kein Auge mehr für Verkehrsschilder. Ohr habe ich noch und es empfängt ein Signal, den Pfiff eines Polizisten. Ich Depp halte an. Mir werden auf französisch die Vorfahrtsregeln erklärt und eine bestimmte Summe von Dirham abverlangt. Wir üben uns gemeinsam im Rausreden, während der Polizist sich in böse gucken übt. Dieses Mal gewinne ich das Spielchen, mit Hilfe vor allem von Mohammed.
Auf dem ersten Schrottplatz warten wir eine halbe Stunde, liegen im Schatten, trinken Bier und hören ZZ Top, während ein paar Jungs losziehen, einen Dämpfer zu suchen. Aber hier gibt es keinen. Woanders erfahren wir dann den Preis von neuen; sie sind zu teuer und nur als Paar zu haben und Claus braucht nur einen. Dann finden wir in einem der unzähligen Ersatzteilkabuffs einen scheinbar brauchbaren Dämpfer, doch als er montiert werden soll, können die Mechaniker ihn wegen einen kaputten Gewindes doch nicht verwenden. Schließlich geben wir die Suche und das Geld aus der Hand und es klappt. Währenddessen fahren wir mit meinem Benz durch die schmalen Gassen von Marrakech, stromern im Souk herum und lassen die arabische Großstadt auf uns wirken. Abends holen wir den reparierten Benz von Claus ab. Es kostet 60 DM.

Mercedeswerkstatt in Marrakech

Entfernungen

Am nächsten Morgen besuchen wir ein Hammam, ein arabisches Dampfbad. Am Kiosk davor kauft Mohammed Seife, die das Aussehen und die Konsistenz von Wagenschmiere hat. Sie duftet allerdings sehr gut nach Datteln und Oliven. Das Hammam besteht aus drei verschieden heißen Räumen. Im hintersten, heißesten fangen wir an, seifen uns ein, kippen uns mit Eimern heißes Wasser über und legen uns auf den heißen Boden. Wir seifen uns ab, bleiben, bis es uns zu heiß wird. Die vorderen Räume sind weniger warm und man kann sich langsam akklimatisieren.
Frisch gebügelt fahren wir zwei Tage lang, soweit wir können. Nachts überfahre ich um ein Haar eine „unsichtbare“ Polizeikontrolle. Wir fahren stundenlang monoton immer geradeaus, immer gleiche Geschwindigkeit über eine schwarze, schlechte Straße, wo nichts reflektiert, keine Striche aufgemalt sind. Die dreckigen Scheiben erschweren noch das angestrengte Spähen in die endlose Dunkelheit. Man bekämpft die Eintönigkeit mit Musik und gelegentlich belohnt man sich für weitere 200 Kilometer mit einem Bier.
Dann und wann taucht aus dem Nichts eine Kontrolle auf. Plötzlich sehe ich ein dreckiges blau-rotes Achtung!- Schild an mir vorbeifliegen und das Stop!- Schild 30 Meter weiter nehme ich gar nicht mehr wahr, weil ich damit beschäftigt bin, das weiße Pony mit knapp zwei Tonnen Gewicht auf dieser holprigen Straße zum Stehen zu bringen, ohne eventuell herumrennende Individuen umzufahren. Wir werden rechts rangewinkt. Die Polizisten tun beleidigt, weil ich am Stop!- Schild nicht angehalten habe. Das nehmen sie zum Anlass, mich einiger Dosen Bier berauben zu wollen. Sie stieren im Auto rum, finden keines, aber fragen danach. Ich gebe zu, welches zu besitzen, als sie aber davon haben wollen, bleibe stur und gebe nichts raus. Zu gut weiß ich wie viel Bier in der Wüste wert ist. Und ich weiß, sie sind nicht im Recht. Auch hier bezahlt man seine Verkehrsverstöße nicht in Bier. Schließlich sind wir in einem muslimischen Land!
Als wir vor Müdigkeit nicht mehr weiterfahren können parken wir ein paar Meter neben der Strecke auf dem harten Sand. Scheinwerfer von vorbeifahrenden Fahrzeugen sieht man schon aus einer Entfernung von 30 bis 40 Kilometern. Wenn sie am Horizont auftauchen, dauert es noch ewig, bis sie schließlich vorbeifahren.
In Tan-Tan kaufen wir für ‘ne Mark einen riesigen Büschel Pfefferminze, Nana genannt, und in der nächsten Stadt noch chinesischen grünen Tee und Würfelzucker. Das sind die Zutaten für den grünen Tee, so wie er hier getrunken wird. Die Zuckerwürfel sind größer als Streichholzschachteln. In den wenigen Pausen, die wir machen, brauen wir uns eine gute Mischung und glotzen in den Sonnenuntergang, oder so.
Wir schaffen es donnerstags, Dakhla zwei Stunden vor Anmeldeschluss zum Konvoi zu erreichen. Die Zeitverschiebung hilft uns dabei, denn hier ist es zwei Stunden früher.
Nachdem wir die Prozedur der Anmeldung hinter uns haben, richten wir uns auf dem Campingplatz ein und vertreiben uns die verbleibende Zeit mit unnützem Trallalla. Die Teilname am Konvoi ist noch einmal gefährdet, denn kurz bevor es anderntags um die Mittagszeit, losgeht bekomme ich Theater mit der Polizei. Ich war falsch abgebogen und der Polizist will 400 Dirham, eine unverschämte Summe. Als ich diskutiere, will der Scheußler mich einsperren. Wir haben nicht einmal soviel Geld bei uns, wie er verlangt und die Banken haben zu. Nach etlichem hin und her behalten sie Claus bei sich und geben mir eine halbe Stunde Zeit, das Geld zu beschaffen. Ich rase zum Campingplatz, tausche beim Besitzer das Geld, werde zum Glück nicht an der Polizeisperre aufgehalten und komme rechtzeitig zurück, um Claus auszulösen. Diese verdammten Mistkerle.

Der Konvoi

Um zu verhindern, dass die Guerilla der POLISARIO_ mit Waffen oder Fahrzeugen versorgt werden kann, werden die Durchreisenden vom Militär begleitet.
Der genaue Zeitpunkt, wann es losgeht steht bei diesem Konvoi nicht fest. Er wird am Vortag nur nebulös angegeben und dann noch mehrfach verschoben. üblicherweise setzt sich der Konvoi dann doch irgendwann in Bewegung. Es sind dieses Mal zirka 20 Autos und Kleintransporter. Gleich nach der Abfahrt streckt sich die Gesamtlänge auf mehrere Kilometer. Immer wieder muss man sich sammeln, müssen Autos repariert werden. Manche Autos schaffen es kaum. Mitten in der schier endlosen Fahrt auf dem Teerband nach Süden verschafft uns eine riesige Düne etwas Abwechslung, indem sie uns die Straße versperrt. Wir fahren um sie herum.

Nicht alle diese Fahrzeuge werden es schaffenDiese zwei schon.

Bei Einbruch der Nacht erreichen wir ein letztes, befestigten Fort vor der mauretanischen Grenze, stellen die Autos als Windschutz auf, die Reservereifen darunter, damit der Wind nicht drunter durch pfeift. Am nächsten Morgen stellen wir uns in einer langen Reihe auf. Während wir warten gibt mir ein Franzose GPS Koordinaten für die Piste von Nouadibou nach Nouakchott. Wir zeichnen sie in eine Kartenkopie ein werden uns den Führer sparen. Noch in der Morgensonne setzt sich der Konvoi zur Ausreise aus Marokko in Bewegung. Nach der marokkanischen Grenze durchqueren wir das verminte Niemandsland.

Karte mit KoordinatenDiesen Ziffern vertrauen wir unser Leben an! Nicht auf Anhieb klar, was Nord und was West ist.

Der Grenzposten von Mauretanien

Das Visum von Claus ist nur für eine Einreise im Süden Mauretaniens gültig. Ich schmiere mit 100FF denn leider habe ich keinen kleineren Schein. 50FF hätten es sicher auch getan, denn der Zöllner betont, dass ich nichts von dem Deal seinen Kollegen weitertratschen darf. Beim Eintritt nach Mauretanien bekommt man für die 60 km bis zum Bouchon einen Militärbegleiter für den Konvoi, der die Pässe aller Konvoiteilnehmer in einer Plastiktüte mitführt und sich in das Auto setzt welches ihm genehm ist. Das ist dieses mal meines. So kann ich ihn über die Minen ausfragen. Das Gelände Richtung Bouchon, dem einzigen Durchlass nach Nouadibou ist hügelig. Auf einem dieser Hügel nahe der Piste ist ein Steinmännchen. Ab diesem Hügel fangen die Minenfelder an und genau hier biegt die Piste nach Nouakchott links ab. Wie der Franzose gesagt hat, ist hier auch der erste GPS Punkt unserer Route verzeichnet. Bis zum Bouchon ist es von hier noch ein Gekurve. Ich versäume hier weitere GPS Punkte zu registrieren.

Nouadibou - das Loch

Nouadibou ist eine furchtbare, dreckige verkommene Barackensiedlung mit wenigen gemauerten Häusern, dreckigen Straßen, krummen verbeulten Fahrzeugen, schlimmster Verkehrsmoral und wirklich sehr wenig Erfreulichem. Hier treffe ich Bati, einen Mauretanen, den ich hier zwei Monate zuvor auf meiner Motorradreise kennenlernte. Er will uns verschiedene Käufer vermitteln, unter anderem einen, dem ein ortsansässiger Partyservice gehört. Wir werden eingeladen, man verhandelt aber die Preise, die wir erzielen können sind nicht umwerfend. Doch Claus will nicht verkaufen, wollen wir doch gemeinsam und mit zwei Autos durch die Wüste. Wir schlafen am Strand, duschen am nächsten Tag bei Verwandten von Bati, rasieren uns, wollen unsere Wäsche waschen lassen, doch als wir von den Ämtergängen zurückkommen liegt sie immer noch dreckig da. Macht nichts, wir lassen uns dadurch nicht aufhalten.

Es gibt einen "letzten" Tee bevor wir Sonntags um fünf Uhr nachmittags aufbrechen. Schon auf dem Weg zum Bouchon sande ich ein und beim Versuch mich rauszuziehen reißt das erste und einzige Mal unser dickes Nylonseil. Es ist weniger gravierend ein um ein halben Meter kürzeres Seil zu haben, als der psychologische Effekt, den dieses Malheur in mir auslöst. Ich spüre fast körperlich den Druck der Verantwortung. Immerhin sind wir noch nicht mal richtig auf der Piste und ich zerstöre schon die Ausrüstung. Das kann ja heiter werden.
Die Soldaten am Bouchon verbieten uns Bati mitzunehmen, als sie hören, dass wir ohne Führer die Sandetappe antreten wollen. Sie sagen, wir könnten dort draußen in aller Ruhe verrecken, aber einen Mauretanen würden sie nicht mit uns ziehen lassen, es wäre zu gefährlich. Der Wind verwische die Spuren. Ihre Position ist verständlich. Sie wollen Ausländer ohne Guid nicht zurückhalten. Ich kann mir vorstellen, wie diese Ausländer rumnörgeln würden, bis sie doch gehen dürften. Wir hocken in der winzigen, niedrigen, finsteren Bude herum, trinken Tee und nörgeln nach Kräften herum aber Bati muss dableiben. Sie wollen ein Allradfahrzeug anhalten und dem Fahrer überreden ihn kostenlos mitzunehmen. Wir würden ihn dann in Nouakchott treffen. Bati dagegen will uns auch zu einem Guid raten, aber nach kurzer Absprache mit Claus entscheiden wir uns dagegen. Ich habe das Gefühl, Claus kann die Situation einschätzen. Wir müssen uns noch Stories anhören von dem Wind, der die Spuren verwischt, von Mauretanen, die bei diesem Wind irgendwohin gebetet haben, weil sie nicht mehr wussten, wo Osten ist. (Dabei muss ich unweigerlich an das Navigationsinstrument Kompass denken, der hier aber anscheinend so unbekannt ist, dass man mein GPS mit einem solchen Kompass verwechselt.)
Und sie erzählen uns die Geschichte von Chebou, der mit einem Freund vor acht Tage hier vorbeigekommen ist und seither als verschollen gilt. All diese Geschichten bringen uns nicht von unserem Vorhaben ab.
An zwei Posten müssen wir noch vorbei. Immer wieder müssen wir uns in einer engen Baracke in Listen eintragen. Auch in der nächsten will man uns zurückhalten. Dann kommt die letzte Bude. Drinnen ist ein junger freundlicher Typ mit einem strahlenden Lächeln. Er ist der erste, der weiß, was ein GPS ist. Nicht einmal Bati weiß es. Dieser Zöllner oder Soldat hat schon damit gearbeitet. Er wünscht uns viel Glück.

Minen

Auf der ganzen Reise hören wir wüste Gruselgeschichten bzw. gruselige Wüstengeschichten: Von den zwei Deutschen, die ohne Wasser zuerst die Kühlflüssigkeit soffen, dann das Motorenöl! Sie starben einen elenden Tod. Oder von den Mauretanen die sich bei einer Entfernung von nur 200 Metern zwischen den Fahrzeugen verloren, sich verirrten und 48 Std. später verdurstet aufgefunden wurden. Der Wind hatte ihre Spuren schon verwischt. Das Sterben in der Wüste geht mitunter sehr schnell. Das ist die eine Art Storys.
Und dann gibt es noch die andere Art von Storeis: Minenstorys. Wir hören die Geschichte von dem Mauretanen der kürzlich seine Kamele suchte. Er wusste, was er tat als er durch das Minenfeld fuhr. Er kannte die Plätze der Minen. Doch dann sah er seine Kamele drehte kurz am Lenkrad und schon war er auf einem ganz anderen Weg. Dann die Geschichte, die uns Janni im Konvoi erzählt hat: Er war ein Jahr zuvor in Sichtweite des Grenzpostens eingesandet. Zwei Franzosen ziehen ihn mit einem Landrover aus dem Sand. Als er wieder frei ist, machten sie das Seil ab, fahren los. Nach 20 Metern zerfetzt eine Mine den Geländewagen. Janni hat den Brustkorb des einen Franzosen noch zirka fünf Minuten atmen sehen, dann hat sich nichts mehr gerührt. Der Kopf hat wohl ganz oder teilweise gefehlt. Er hat dieses Mal für die Franzosen eine Gedenktafel aufgestellt.
Fast habe ich selbst noch eine Story hinzugefügt. Ich will ein Metallstück neben meinem Auto wegkicken, nachdem ich Claus über Funk gesagt habe, er könne seinen Benz neben meinen zum Stehen bringen, der Sand sei dort hart. Bati warnt mich in letzter Sekunde vor der Gefahr.

Gutes Spiel mit böser Mine.

Bei genauerer Untersuchung stellen wir fest, es ist zynischerweise eine italienische Mine. Dann finden wir noch eine zwei Tonnen Mine direkt neben den Gleisen. Sie ist jedoch ungefährlich, denn der Zünder ist vom Sand zerstört. Ein solches Ding würde von einem LKW nichts übrig lassen.

Hier nützt der beste Stiefel nichts!

Warum wir überhaupt ins Minengebiet geraten, ist eine logische Folge meines unlogischen Denkens bzw. meines logischen Halbdenkens. Die Schwierigkeit ist, den Anfang der Piste zu finden. Da uns die Jungs von den Behörden also Angst gemacht haben, will ich auf Nummer sicher gehen und die Gefahr vermeiden, mich vom Bouchon* zum ersten GPS Punkt nur auf Spuren zu verlassen, denn die Piste verläuft teilweise auf felsigen Grund und sieht in der anderer Richtung betrachtet so oder so ganz anders aus. Als wir die Eisenbahnlinie_ überqueren, sehe ich Fahrspuren direkt neben den Gleisen, die zwar viel Sand haben, ich nehme aber an, dass hier keine Minen liegen. Das stimmt auch. Was mir allerdings nicht bewusst ist: einen Meter rechts oder links können die Biester verbuddelt liegen. Jedenfalls nehmen wir diese Route und recht bald sind wir gnadenlos tief eingesandet, denn der Wind lädt hier im Windschatten des Bahndamms seinen mitgeführten Sand ab. Ich habe gehofft Bati auf der Piste zu treffen und das Glück ist tatsächlich mit uns, nämlich bevor wir ernsthafte Versuche unternehmen unsere Daimler wieder flott zu kriegen, kommt auf der anderen Seite der Schienen ein Toyota Pickup mit einer Anzahl Leute beladen angefahren, mitten unter ihnen, Bati.
Der Toyota hält an, die 15 bis 20 Leute steigen ab und aus. Der Fahrer stellt sich vor mir auf, verschränkt die Arme vor der Brust und ich erkläre ihm lang und breit, dass wir Bati kennen und gerne mitnehmen würden. Er hört sich meine Rede an, antwortet aber nicht. Dann spricht Bati auf arabisch zu ihm. Hätte er ja gleich sagen können, dass er kein Französisch versteht.
Wir nehmen also Bati mit, d. h. als er mich und Claus aus dem Sand herausgeschoben hat, fahren wir ihm zunächst einmal davon, denn wir können erst ein paar hundert Meter weiter auf festem Grund anhalten. Während er uns vom Horizont her den Schienenstrang entlang hinterherläuft, gehen wir ein wenig die Gegend erkunden. Kaum kann er uns mit dem Funkgerät erreichen, sagt er uns, wir befänden uns in vermintem Gebiet. Wir kehren also um und treten dabei in unsere alten Fußstapfen, wie mich ein alter Capitano in Sardinien lehrte.

Bati ist wieder bei uns.

Wieder unterwegs funkt Claus mir jäh zu, sein Auspuff sei kaputt. Wir halten an. Das Auspuffrohr ist weit vorne abgerissen und bohrt sich wie ein Widerhaken in den Boden, allerdings hat sich der Auspuff nicht unter dem Auto aufgerollt, obwohl Claus noch zirka 300 Meter weitergefahren ist, nachdem es passierte. Die kurzen Wege, die wir gezwungenermaßen ums Auto machen müssen, während wir den Auspuff demontieren, schleichen wir umher und verdrängen die Gefahr der Minen.
Der Rest des Tages bringt uns auch nur fahren, aussanden, fahren, aussanden. Allah ist mit uns. Wir fliegen nicht in die Luft.
Als wir beim Kilometer 46 die Eisenbahnlinie zum zweiten Male kreuzen und die Minenfelder hinter uns lassen wird es gerade Nacht. Wir stellen uns links und rechts von Bati auf und beten gemeinsam gen Osten. Für die Dauer des Gebetes durchdringt mich die Ruhe der Wüste, doch kaum sind wir fertig, erfasst mich die Rastlosigkeit erneut und wir brechen trotz Dunkelheit auf. Da das GPS ans Autostromnetz angeschlossen ist können wir die Beleuchtung des Displays einschalten und mit Hilfe des grünen Monitors und den Spuren der Piste, die von unseren Scheinwerfern gut ausgeleuchtet wird, fahren wir bis ein Uhr nachts.
Tief in meine Erinnerung gräbt sich eine Passage ein, kurz hinter den Schienen. Schon die Schienen zu überqueren ist mit unseren schwer beladenen Wagen nicht einfach. Wir müssen Ersatzräder und sonstige schwere Dinge ausladen und die Schienen an einer guten Stelle im richtigen Winkel anfahren, nicht zu viel Schwung, sonst wippt der Wagen zu stark und wird demoliert aber auch nicht zu wenig, sonst bleibt man hängen. Nun wird alles wieder eingeladen, es geht ein wenig über Hubbel hin und her und dann kommt die Senke.
Zuerst geht es 30 Meter seicht bergab und dann 50 Meter genauso seicht bergauf. Ich sehe schon und spüre, dass der Sand sehr, sehr tief ist und jage die Drehzahl so hoch es geht. Mein Benz schafft es gerade eben so bis zur Kuppe. Dort leuchten die Scheinwerfer in den Himmel, ins Nichts, aber ich darf nicht anhalten. Die Scheinwerfer, wie die Augen kriegen nichts zu fassen. Ich muss mich zwingen, nicht auf die Bremse, sondern aufs Gas zu treten. Es kommt mir vor, als führe ich ins Nichts. Ich überfahre die Kuppe, die Kühlerhaube kippt nach unten, ich sehe wieder was, halte an und stelle fest, ich stehe nicht so schlecht. Von hier komme ich wohl wieder los.
Jetzt kommt Claus. Ich sag ihm er soll alles aus seiner Mühle herausholen und feure ihn über Funk an, aber am Motorgeräusch höre ich gleich, dass er es nicht schaffen wird. Der Motor stirbt ab, als Claus knapp durch die Talsohle durch ist. Das ist bitter und bedeutet ARBEIT! Bati hat die Idee, den Benz wieder rückwärts zu seiner Ausgangsposition zu schaffen, und es von dort aus abermals zu versuchen. Dieser Vorschlag ist natürlich völlig indiskutabel, versteht sich, denn wieso sollte beim zweitem Versuch schaffen, was ihm beim Ersten misslang?, ganz abgesehen von der nutzlosen kräfteaufreibenden Schinderei des Zurückkommens.
Wir lassen Luft ab, graben die Räder frei. Versuch. Claus hat es noch nicht so ganz raus und als das Auto einen halben Meter weit ist, gibt er zu viel Gas und es gräbt sich wieder ein. Aber einen halben Meter haben wir gewonnen. Das gleiche Spiel also noch einmal. Diesmal schaffen wir ein paar Meter. Das Problem ist, das Seil reicht bei weitem nicht von meinem Auto bis zu Claus seinem und nach einiger Zeit der Schinderei haben wir uns auf diese Distanz heran gearbeitet. Doch jetzt kommt schon die zweite Schwierigkeit: Ich kann mit meinem Wagen nicht ziehen, da ich total schwieriges Gelände vor mir habe, keinen geeigneter Grund unter den Rädern, um einen Zwei Tonnen Monsterbenz in so tiefem Sand und auch noch über eine Kuppe zu ziehen. Doch da bedienen wir uns einer List. Wir verwenden meinen Wagen als Sandanker (obwohl Claus seiner eigentlich der Sandanker ist), binden beide Autos möglichst straff zusammen und ziehen an dem Seil, wie an einer Gitarrensaite, also lotrecht zur Seilrichtung. Dadurch hat man eine viel höhere Gewalt. Doch auch so dauert es seine Zeit, bis wir den Benz da raus haben, denn sobald das "Seildreieck" recht dreieckig wird verliert man auch schon seinen guten Hebel. Dann muss man wieder neu "anspannen".
Nach diesem sehr schwierigen Abschnitt werden wir mit einem wunderschönen Stückchen Wüste belohnt. Es ist hügelig, aber wir sanden nicht ein und es ist angenehm, den Spuren zu folgen und gleichzeitig mit dem GPS zu navigieren. Gegen die Passage von vorhin kommt es uns vor, wie ein Kinderspiel.
Um zirka ein Uhr nachts passieren wir als letztes eine feuchte Stelle mit bis zu 30 Zentimeter tiefen Fahrspuren. Bei Flut kommt das Meer gelegentlich bis hierher. Ich schreie Claus über Funk zu er solle um Gottes Willen Vollgas geben. Wenn man hier versackt ist es richtig schlecht. Sein Fahrzeug hat wegen des verlorenen Auspuffs weniger Leistung. Für uns ist auch das Funken schwieriger, denn ich muss brüllen, damit er mich versteht. Mit dem letzten Schwung schaffen wir auch diese schwierige Stelle. Jetzt ist Feierabend. Motor aus, rumstehen, Bier auf: "Auf das Leben, auf die Beine, die noch dran sind, auf die Wüste!"

Der zweite Tag im endlosen Sand

(Montag) Kaum ist es hell fahren wir ohne Frühstück los, gondeln hin und her, ohne einen Anfang zu finden. Das GPS weist uns in ein scheinbar unüberwindbares Gelände von Findlingen, kleinen Felstürmen und Rinnen in jeder Größe. Dazwischen liegen schöne Weichsandlöcher für deren Durchquerung man keinen Schwung holen kann. Wir fahren zunächst zurück, wieder durch die feuchte Stelle, die bei Tage etwas einfacher zu passieren ist, klettern auf Hügel, schauen und folgen dann doch dem Weg des GPS. Es dauert noch ca. einen halben Tag, bis Bati sich für dieses Wunderwerk westlicher Technik begeistert. Bis dahin ignoriert er es, will sich einfach rechts halten und irgendwelchen Spuren folgen weil die westlichste Piste die für die "kleinen" Autos ist. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir nicht aufs Geratewohl fahren können. Doch dann finden wir mit Hilfe des GPS die richtige Piste und plötzlich will Bati von mir wissen, wie das Gerät funktioniert. Ich erkläre ihm, dass 24 Satelliten elektromagnetische Wellen aussenden, mit deren Hilfe der Apparat die Position berechnen kann.
Doch die Wüste verändert immer ihr Gesicht und das GPS zeigt einem nur die grobe Richtung. Manchmal liegen 25 Kilometer zwischen den einzelnen Wegpunkten. Die Feinarbeit muss man selbst machen und sich an schwierigen Stellen den besten Weg suchen. Manchmal, wenn ich voraus bin und Claus steckenbleibt, laufen wir zurück. Dann schieben wir ihn an und springen in den Kofferraum, wo mein Funkgerät liegt. Ich teile ihm dann mit, dass wir dabei sind und er bei Gott nicht so schnell fahren soll. Es ist wirklich die Hölle da hinten drin. Die Füße baumeln raus, die Oberkörper von mir und Bati machen sich mit dem Endschalldämpfer den Platz streitig, während das Auto hin und her zackt, immer schneller wird und einen Höllenlärm macht. Und dann dieser Staub! Das schlimme dabei ist, man sieht nicht, wohin man fährt. Ich bin jedes mal froh, wenn ich wieder rauskriechen kann und überlege mir, ob laufen nicht doch besser wäre.
Bati will die Autos immer nur rausschieben, denn das Seil anzuhängen dauert ihm zu lange und erscheint ihm unnötig, doch irgendwann befehle ich dann das Seil zu nehmen, denn es klappt fast nie so, wie Bati es will. Wenn mein Auto tief einsackt kann ich es mit dem Wagenheber nicht anheben, weil die Karosserie zu verrostet ist und beim hochbocken knirscht es, als ob sich das ganze Chassis verdreht. Dann müssen wir unter dem Auto freigraben, so dass es nicht mehr aufsitzt. Bati will uns Arbeit ersparen indem er sagt, schieben genüge, aber ich will lieber gleich mit dem Seil schleppen, als es erst auf die einfache Art zu probieren und dann die dreifache oder zehnfache Arbeit zu haben. So pflügen wir uns durch den Sand. Mittags wechsle ich einen defekten Reifen. Ein Stein hat ihn an der Seite aufgeschlitzt. Nachmittags machen wir eine Pause mit Tee und Sardinen- Sandwiches. Claus programmiert die neuen GPS Punkte ein. Das Thermometer im „kühlen“ Kofferraum zeigt 44°C. Im Auto wird es wohl 46 - 48°C sein. Bati, Sohn der Wüste, geboren und aufgewachsen nahe Chinguetti, welches ein paar hundert Kilometer weiter östlich inmitten der Wüste liegt, leidet. Es ist ihm zu warm. Aus den vom Baum abgefallenen Dornenzweigen machen wir ein Feuer denn der Kocher hat seinen Geist aufgegeben. Die Autos parken wir nicht unter dem Baum, das könnte einen Platten geben, denn die Dornen sind richtige Killer.
Das nächste Stück ist flach, wie ein Brett, doch auch hier gibt es einzelne Flecken Tiefsand. Man verliert darin deutlich an Geschwindigkeit. Ansonsten fliegen wir mit Tempo 90 bis 110 über diese Ebene. Das Kühlwasser meines Wagens wird öfters über 100°C warm. Während der Fahrt die Heizung voll aufzudrehen, bringt nicht den gewünschten Effekt. Also machen wir Pause, ich drehe die Schnauze meines Benz in den Wind und öffne die Motorhaube. In einer solchen Motorkühlpause liest Claus in der Betriebsanleitung, dass man mit Frostschutzmittel im Kühler bis zu einer Motortemperatur von 120°C fahren kann. Wir müssen also ab sofort nicht mehr anhalten. Derweil landet eine Schwalbe in der Nähe. Ich fange sie vorsichtig ein, gebe ihr zu saufen. Sie ist fix und fertig. Ich lasse sie wieder fliegen. Bati sagt, sie würde hier verrecken. Er will sie fangen, kriegt sie aber nicht. Also hole ich sie wieder und nehme sie im Auto mit, bis zu einer Vogelstation, an der man vorbeikommt, wenn die Piste den Ozean erreicht. Ich lasse sie fliegen.
Von hier geht es wieder ins Landesinnere. Ich lasse Bati fahren. Er hat behauptet, er würde nie im Sande steckenbleiben. An diesem Ort erfahre ich warum. Er kriegt das Auto gar nicht von der Stelle, sondern würgt es immer ab.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Dünen, die wir überqueren müssen. Ich will mich beeilen, um es noch vor der Dunkelheit zu schaffen, doch Claus sandet ein und jemand schaltet das große Licht aus. Dann müssen wir halt mit Kunstlicht weiterfahren. Es ist nicht so schwierig, wie ich mir vorgestellt habe. Einmal sande ich ein, als ich eine schön gerippte Bilderbuchdüne hinauffahre, doch ich kann mich aus dieser Situation "herausfahren", indem ich zurückstoße, rückwärts einen Halbkreis fahre, um dann erneut bergab Schwung zu holen und an einer flacheren Stelle den Dünenkamm zu passieren.
Spät abends machen wir dann doch noch eine Pause, kochen die letzten Suppen und blasen die Reifen wieder auf, im Glauben die Dünen schon hinter uns zu haben. Bati lässt den Kompressor ohne Pause laufen. Ich denke mir, ich sag mal nichts, ich will ja nicht andauernd reinquatschen. Plötzlich wird der Kompressor langsamer und bleibt hängen. Jemand reißt schnell den Stecker aus dem Zigarettenanzünder und dann schreiben wir den Kompressor auf die Verlustliste.
Beim Weiterfahren erkennen wir, dass wir immer noch in den Dünen sind. Beide sanden wir an einer leichten Steigung ein. Erneut lassen wir Luft ab. Nachts ist es schwer zu schätzen, wie viel Druck noch im Reifen ist. Schnell sind wir wieder flott, denn wir hören nicht auf Bati, der die Wagen bergauf herausschieben will. Bati kriegt von mir 'ne fünf in Physik.
Die Scheinwerfer erleuchten nur die unmittelbare Umgebung vor uns und es kommt mir vor, als wäre der Rand der Erdscheibe nur wenige Meter entfernt. Komische Bäume und Dornenbüsche muss man hier umkurven und manchmal wird es richtig eng. Claus holt sich ein paar Kratzer an seinen Wagen. Kamele streifen bleich durch die Finsternis. Hier die Orientierung zu behalten, wäre selbst mit einem Kompass nahezu unmöglich. Mit Hilfe des GPS zu wissen, wo man sich befindet und wohin man fährt, gibt mir das Gefühl der Macht und der Unbesiegbarkeit.

Agent 00Claus

Dann sind die Dünen zu ende und schon wartet eine neue überraschung auf uns: Feschfesch, feiner Staub, der nicht trägt, liegt hier in einer Schichtdicke von ca. 10-15 cm. Wir haben starken Seitenwind, das ist unser Glück. Links von mir reißt die Staubfahne meines Autos an der Oberkante meines leicht geöffneten Fensters ab. Es sieht aus wie Rauch. Im Innenraum des Autos Wolken von Staub. Wenn Geruch und Hitze nicht fehlen würden, könnte man meinen, es brenne im Auto. Ich weiß nicht, was Claus sieht, aber viel kann es nicht sein. Anscheinend verliert er mich manchmal, obwohl er nur 20 Meter hinter mir ist. Auch ich sehe seine Scheinwerfer im Rückspiegel nur selten. Auch hier machen sich die Walkie-Talkies bezahlt, denn man kann sich auf die Strecke vor einem konzentrieren.
Kurz vor Nouamghar, dem Fischerdorf, machen wir uns auf ein paar Hügel hinauf, denn es sieht nach Regen aus und ich will nicht versehentlich in einem Oued* zu übernachten. Es sind schon viele Leute in der Sahara ertrunken, die in einem ausgetrockneten Flussbett campierten und nach einem Regenguss von einer Flutwelle überrascht wurden.
Claus, der beste Begleiter, den ich mir nur denken kann, repariert mit seiner speziellen zenbuddistischen Geduld in dieser stürmischen Nacht im beleuchteten Kofferraum den Kocher worauf wir noch einen Tee bereiten. Ein paar Regentropfen fallen vom Himmel. Bati schnarcht schon im Auto. Dann legen wir uns mit der Öffnung unserer Schlafsäcke nach Lee zur Ruhe und werden langsam von einer Sandschicht zugedeckt. Herabrieselnder Sand ist unangenehm.

Tee im Kofferraum.

Morgens kratzt der Sand in den Ohren, im Genick und allenthalben. Nach dem obligatorischen Tee starten wir und sind sogleich wieder auf harter Piste. Ich habe ein schlechtes Gefühl, lasse anhalten, sehe mir die Reifen an und weiß, sie haben alle zu wenig Druck. Da wir seit meiner gestrigen Reifenpanne nur noch einen Reservereifen für beide Fahrzeuge haben würden wir nicht weit kommen. Irgendwie müssen wir wieder Druck in die Reifen bekommen. Den plattesten Reifen wechsele ich schon mal gegen das Reserverad. Claus nimmt derweil den Kompressor auseinander. Er besteht aus einem Elektromotor der einem Kunststoffkolben! antreibt Den Kolbenfresser behebt Claus schnell, indem er viel Öl dran tut, aber der Motor hat einen Schaden weil er überlastet wurde. Auch, als der Kolben wieder leicht läuft, kommt der Motor nicht auf Touren. Claus gibt ein paar Tropfen Öl an spezielle Stellen des Motors, die nur er kennt und ich suche den plattesten Reifen aus, an dem der Kompressor arbeiten soll, bis er verreckt. Er läuft langsam an, fängt massiv an zu rauchen und ich denke, gleich ist es aus, als er plötzlich wieder ganz normal läuft. Claus hat mal wieder ein kleines Wunder vollbracht.

Beachparty

Wir erreichen Nouamghar, ein kleines Fischerdorf. Ab hier geht es bei Ebbe am Strand entlang. Unmutig entrichten wir die hiesige Departement- Steuer. Dann erkundigen wir uns nach dem besten Zeitpunkt auf den Strand zu gehen. Auch hier ist schon so mancher hereingelegt worden, wurde zur falschen Zeit losgeschickt und musste dann zornige Rettungsrechnungen bezahlen. Deshalb schaut man sich das Meer am besten selbst an. Oder man fragt verschiedene Leute. Wir entscheiden nach einigem Hin und Her, um halb elf zu starten. Doch auch hier wie schon in Nouadibou zeigt man Interesse für unsere Wagen. Wieder sollen wir den Motor laufen lassen und jemand dreht den öldeckel vom Motor, so dass das Öl den Motorraum und die Umherstehenden verschmutzt. Man kann anscheinend die Güte des Motors daran erkennen, wie viel Öl herausspritzt. Mich regt die Tatsache auf, dass jeder Dahergelaufene den verdammten Öldeckel aufmacht. Meine wenigen Kleider sind schon alle mit schwarzen Punkten gesprenkelt. Diesmal kommt einer daher, der behauptet, der Bürgermeister des Dörfchens zu sein. Er ist dick, rabenschwarz, hat eine unreine Haut, eine tiefe Stimme und ist dick in wallende blaue Umhänge gewickelt. Er behauptet ernsthaft, er wolle Claus's Auto kaufen und sich auch um die Zollfrage kümmern. Claus hat es sehr eilig nach Hause zu kommen, denn eine Diplomarbeit wartet sehnsüchtig auf ihn. Die Wüstenetappe war sein "Missiongoal" und wir könnten sein Auto verkaufen. Doch der gute Bürgermeister hat hierselbst kein Geld. Er sagt uns, er würde uns bis Nouakchott begleiten, wo er das Geld besorgen würde, wir dürften dort aber mit niemandem sprechen. Das sind ja richtig tolle Aussichten.
Wir essen erst mal in Ruhe und Zurückgezogenheit, d.h. wir fahren ein- zweihundert Meter weiter an dem von riesigen Fischköpfen übersäten Strand und beraten uns. Ich liebe die gerade Linie. Deshalb schicken wir Bati los, dem Bürgermeister zu sagen, dass er uns gerne begleiten könne, wir aber keine Garantien oder Versprechen in irgendeiner Form gäben. Als Bati zurückkommt, sagt er, er habe dem Bürgermeister seine Carte d' Identité gegeben, als Pfand und Zeichen, dass wir einverstanden wären. So ein Idiot. Naja, es ist sein Ausweis.
Zu gegebener Stunde fahren wir los, der Toyota Lancruiser des Herrn Würdenträgers und seine Helfer immer dicht hinterdrein. Am Anfang sind die Buchten zwar in einer geraden Linie hintereinander, aber jede einzelne ist so eng gebogen, so dass es arg auf und ab schaukelt, wenn man in gerader Linie fährt. Es dauert ein wenig, bis wir im Rhythmus sind. Immer schön die Wellen beobachten, und nach links ausweichen, und aufpassen, dass man sich die Reifen nicht ramponiert. Denn hier liegen alle möglichen Dinge vom Meer im Sande vergraben. Steinsbrocken, Walknochen, Schildkrötenpanzer, Ankerstücke und Wrackteile.
Wir karriolen mit einer Geschwindigkeit zwischen 50 und 80 km/h dahin. Ich warne Claus, der vor mir fährt öfters und eindringlich vor den Felsen, zirka 50 Kilometer nach Nouamghar. Es ist eine tückische Stelle nach einem scharfen Linksknick. Als es dann so weit ist, denke ich soeben auch nicht dran. Ich sehe nur, wie Claus sein Steuer plötzlich nach links reißt, eine Sandfahne geht von seinen Reifen in die Luft und ich frage mich gerade, wie er das Auto je wieder unter Kontrolle kriegen will, da muss ich schon selber schauen, dass ich nicht meine Achsen an die Felsen knalle. Wir halten. An den Spuren sehe ich, das Claus Zentimeterarbeit geleistet hat. Nach dieser Aufregung gehen wir zunächst einmal an einer schönen Stelle schwimmen. Bati hat Angst vor Haien und bleibt zunächst an Land. Ich muss aber die Kruste von meinem Körper waschen, die in den letzten Tagen dort gewachsen ist. Der Bürgermeister von Nouamghar war vorausgefahren und nach einer Weile kommt er zurück um nach dem Rechten zu sehen. Jetzt versteht er, dass ich meinen eigenen Stil habe, die Dinge anzugehen. Er fährt ab jetzt voraus und wird in Nouakchott auf uns warten. Die Strecke ist weit und eintönig und man muss sich sputen, deshalb halten wir uns nirgends lange auf. Weder an dem Schwarm Tümmler, an dem Walwirbel, noch an dem toten Igelfisch. Nur schnell ein Foto geschossen und weiter geht's. Aus dem Walwirbel will ich mit meinem großen Stiefelmesser ein Stück raushacken, damit ich daraus Würfel fertigen kann. Er ist aber schon zu vergammelt.

Igelfisch tot.

Diesel

Wenn man eine Wüstenetappe bewältigt gibt es unter anderem folgende Regel: Man nehme ausreichend Sprit mit, dazu noch eine großzügige Ersatzreserve. Denn wenn die Autos heile sind kommt man mit einem Liter Sprit weiter, als mit einem Liter Wasser. Weil wir uns so großzügig mit Diesel eingedeckt haben, besitzen wir nun noch einen winzigen Rest! Unsere Tankuhren sind weit ins Reservefeld vorgerückt. Wenn wir die Kanister schütteln, hört man, dass der Boden noch feucht ist. Wir teilen diesen Rest durch drei. Jeder tankt einen Anteil, einer bleibt im Kanister zurück, für denjenigen, der zuerst stehenbleibt! Ich frage mich, wie es kommen konnte, dass wir nur noch eine Handvoll Diesel übrig haben. Das ist unnötige, ärgerliche Nervenbelastung. Aber so ist es eben. Wenn es reicht, dann bedeutet es, wir haben die Etappe mit Minimalgewicht geschafft. Und es reicht.

Nouakchott

Zu guter Letzt erreichen wir die Strandausfahrt Nouakchott und das ist eine sehr schwierige Stelle. Man müsste wahnsinnig Anlauf nehmen, dann nach links in den tiefen hubbeligen Sand ziehen, doch der ist so tief, dass man schon sehr bald steckt. Hier treiben sich viele Leute herum und jeder meint zu wissen, wie man am besten mit den Wagen durchkommt und immer muss man alles abschließen und schon wieder macht sich unser Bürgermeister verdächtig, denn er will Geld von uns für die nicht mal 30 Meter rausziehen und ich bin genervt und ich sage den Jungs, allen, wie sie da rumstehen, dass helfen können, wenn sie wollen, sich aber ansonsten zum Teufel scheren sollen, denn dann machen wir es halt alleine.
Irgendwann ist auch dieses unangenehme Stück geschafft. Wir haben den ersten Meter Teer unter den Reifen. Und jetzt kommt's. Linker Hand ist ein Campingplatz, ein teurer Campingplatz. Jetzt will unser Mann, dass wir uns hier auf dem Campingplatz, der wahrscheinlich seinem Vetter gehört, einrichten, bis morgen warten und bis dahin mit keinem ein Wort reden. Ich mache dagegen mit ihm ein Treffen aus und wir fahren fürs erste in die Stadt.
Wir sind alle recht fertig, und uns fehlt der Elan konkrete Entscheidungen zu treffen, und diese dann durchzuführen. Man kommt aus der anstrengenden Wüste in die Stadt, und sofort ist man anders gefordert: Verkehr, Diebstahl, Polizei, Parken, alledem muss man Rechnung tragen. Nur halbherzig suchen wir ein Reisebüro, kaufen ein paar Früchte ein. Jetzt ist alles Geld alle. Deswegen entscheide ich, erstmal zu Hadrami zu fahren, einen Freund und allgemeinen Dealer, den ich auf der Motorradtour kennenlernte. Wir werden freundlich aufgenommen und müssen uns erst einmal um nichts mehr kümmern. Es kostet jetzt nur noch Zeit. Aber die Ruhe in seinen mit Teppichen ausgelegten Räumen ist es wert.
Am nächsten Tag fahren wir zuerst zur deutschen Botschaft, um unsere Autos abmelden zu lassen. Ich bin von Natur aus ein schlechter Lügner, deshalb kriegt der Konsul spitz, dass wir eventuell hier in Mauretanien verkaufen wollen und stellt sich quer. Er erklärt uns, wie viele Leute in wie viele Schwierigkeiten mit den Behörden gekommen sind. Wir haben bei der Einreise unterschrieben, dass wir nicht verkaufen. Wenn wir beim Verkaufen der Autos erwischt würden hieße das 2500 DM Strafe und wer nicht bezahlen kann, kommt in den Knast, was wiederum viel Arbeit für den Konsul bedeutet. Jetzt, da er alles weiß, rede ich gerade heraus und erzähle ihm von dem Würdenträger in Nouamghar, der unsere Autos kaufen will. Er: „Alle Probleme beginnen in Nouamghar!“ Allerdings gibt er zu, dass er nur die Fälle auf den Schreibtisch kriegt, die schief gehen. Es kann also auch klappen. Unverrichteter Dinge aber eine Spur schlauer kehren wir zurück.

Der Deal

Hadrami will unsere beiden Autos kaufen. Ich erkläre Claus mal wieder das Risiko und wir wägen ab. Bald steht unsere Entscheidung fest. Wir sind zum Verkaufen bereit, aber dann verlassen wir das Land nicht mit dem Flieger, sondern an einem winzigen Grenzübergang in der Provinz.
Ehe man sich's versieht sind unsere Autos leergeräumt. Mein Benz verschwindet sofort. Die Papiere behalte ich noch. Hadrami fährt mit Claus seinem rum. Später liegen wir gerade in dem dunklen Teppichzimmer, draußen die staubige Hitze, da kommt jemand rein, der sagt, wir sollen uns ruhig verhalten. Der Bürgermeister von Nouamghar sei da und würde uns suchen. Man sagt ihm, wir wären schon weiter gefahren. Hier bei Hadrami trudeln nach und nach die halb geschlagenen und Stories von ganz geschlagenen Kollegen ein. Man erzählt uns, welche Autos unterwegs verendeten und manche sind gar nicht losgekommen.
Plötzlich am Nachmittag steht der leibhaftige Bürgermeister mit Begleitung im Raume. Jetzt wird es spannend. Die Frauen, die versuchen durch die Türe zu erspähen, was bei uns hier drinnen abgeht, kriegen vom Familienoberhaupt kräftige Ohrfeigen und verkrümeln sich. Ich liege auf meinem Kissen. Der Fette setzt sich, Bati ihm gegenüber. Sie fangen an zu diskutieren. Ab und zu lasse ich mir etwas von Bati übersetzten. Der Fette wird laut. Ich kenne auf arabisch nicht viele Worte, aber etwas passendes fällt mir ein. Ich sage zu ihm „Schuja, schuja!“, was soviel heißt wie langsam, ruhig. Es wirkt! Dann lasse ich Bati erklären, dass mich mein Konsul vor Verbrechern aus Nouamghar gewarnt hat und ich deshalb kein Vertrauen in ihn hätte. Das muss er schlucken. Als er weg ist mache ich mir noch ein wenig Sorgen, dass er uns dem Zoll verpfeift, aber meine Befürchtung ist unbegründet. Durchatmen.
Dann lerne ich Chebou und Hervé kennen. Zuerst hören wir nur, ihr Auto sei gefunden worden, dann heißt es, die zwei seien gerettet worden. Dann sind sie plötzlich da. Der kleine, quirlige aufgedrehte schwarze Franzose Chebou und der rothaarige Rastafari- Mestize aus Martinique, Hervé. Sie haben gleich mehrere Fehler begangen: ohne Sandbleche, Kompressor, Kompass, mit unzureichendem Wasservorrat trennen sie sich ohne Führer von der Gruppe, mit der sie gestartet sind, weil diese ihnen zu langsam erscheint. Sie versuchen es auf eigene Faust mit nur einem! Fahrzeug. In der Wüste verdursten lediglich Leute, die schon öfters in der Wüste waren! Anfänger haben einen zu großen Respekt. Chebou hatte die Wüste schon acht mal durchquert. Dann geschieht, was geschehen muss. Eine Abfolge von kleinen Unfällen akkumuliert sich zu einer Katastrophe. Als erstes verlieren sie die Piste. Dadurch geraten sie in eine Gegend mit großen Sandfeldern und bleiben stecken. Luftablassen ist ihre einzige Chance. Die Bodenfreiheit ist allerdings geringer und somit liegt die ölwanne tiefer. Ein Stein im Sand setzt dem Auto ein Ende, indem er die ölwanne zerschlägt. In einem solchen Fall hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man bleibt beim Auto und wartet auf Hilfe oder, wenn man zu weit von der regulären Piste entfernt ist, muss man diese suchen. In der Wüste erscheint ein kleiner, sagen wir fußballgroßer Stein am Horizont so groß wie ein Haus. Die zwei laufen einfach auf etwas zu, was aussieht, wie eine Schutzhütte. Nach zwei Tagen stellen sie fest, sie haben sich täuschen lassen. Hier gibt es nichts.
Sie kehren wieder um, verlieren aber den Weg zurück zum Auto. Das Wasser wird rationiert. Eine Portion ist ein gefüllter Schraubverschluss. Dann queren sie zum Meer, schlürfen ein paar Krabben aus, saufen Meerwasser, um den Weg zum Auto noch zu schaffen, wo sie das getrunkene Meerwasser mit einem Rest Süßwasser verdünnen wollen. Wer in einer solchen Situation Meerwasser trinkt, krepiert gewöhnlich noch schneller. Sie finden das Auto wieder und trinken das letzte Wasser. Sie laufen wieder los. Tagsüber graben sie sich in den Sand ein, nachts marschieren sie. Einmal sehen sie Scheinwerfer, doch die sind zu weit entfernt.
Hervé erzählt mir, was zwischenmenschlich geschah. Chebou bittet ihn immer wieder für seinen Leichtsinn um Verzeihung und treibt ihn immer wieder an. Hervé kann nicht mehr und betet nur noch. Vier Nächte laufen sie so, ohne Wasser und denken schon daran, sich die Venen zu öffnen, als sie von Franzosen gefunden werden. Hier in Nouakchott ist Chebou schon wieder voll auf dem Damm. Hervé hat den Schock Tage später in Dakar noch nicht überwunden und wer weiß, wie lange er daran noch zu arbeiten hat.
Zwei Tage bleiben wir in Hadramis Haus, in seinem riesigen Teppichzimmer, abgeschlafft von der Hitze und den Anstrengungen, tun nicht viel, lesen ein wenig, ab und zu wagen wir uns hinaus in die unbarmherzige Sonne, um uns in einem nahen Laden irgendein Getränk zu holen, was für eines spielt keine Rolle, sie sind alle viel zu stark gezuckert. Der Himmel ist sandfarben, soviel Staub ist in der Luft. Samstag Nacht soll es losgehen, Hadrami wird uns nach Senegal schmuggeln. Am Freitagabend gibt es doch etwas Abwechslung. Ein paar Mädels fangen an auf alten Plastikkanistern zu trommeln, zu tanzen und zu trällern. Es wird ein home made Folklore- Abend. Nachts finden sich ein Dutzend Freunde von Hadrami und seiner Familie ein und wir sitzen auf dem Sandhügel vor dem Haus und trinken Tee und reden. Ein laues Lüftchen weht.

Illegal über die Grenze

Chebou hat das gleiche Problem wie Claus und ich. Die Fahrzeuge sind in unseren Pässen eingetragen. Hadrami entfernt die Seite aus Chebous und meinem Reisepass, auf der unsere Autos eingetragen sind. Dummer weise ist auf der Rückseite des Blattes das Visum für Mauretanien. Wir starten nachts mit dem Mercedes von Claus, an den Hadrami irgendwelche RIM_ Kennzeichen anbringt. Bei zwei Polizeikontrollen werden wir zur Seite gewinkt. Hadrami setzt beide Male den Blinker, verlangsamt das Tempo, hält aber nicht an, sondern gibt in angemessener Entfernung wieder Gas. Ich ziehe vorsichtshalber meinen Kopf ein, damit ich keine Kugel abkriege, doch es wird nicht geschossen. Dann verfolgt uns auf dem Damm von Rosso nach Djamma ein Jeep der Zollbehörde, den wir allerdings locker abhängen. Gott sei Dank sind wir nicht mit Hadramis BMW unterwegs, wie zuerst geplant, dessen Bordcomputer bei heißen Temperaturen streikt und das Auto dann unvermittelt stehenbleibt.
An der Grenze dürfen wir nicht aussteigen. Hadrami geht alleine hinein. Er schmiert mittelkräftig und als wir zwei Stunden im Senegal sind, wird es bereits hell. Im Haus eines Freundes bringt uns Hadrami unter. Wir schlafen auf provisorischen Lagern und im Bett, welches der Hausherr und die Hausherrin für uns räumen. Trotz meiner immensen Müdigkeit kann ich kaum schlafen. Am nächsten Tag in St. Louis bekommen wir das restliche Geld und übergeben die Papiere, alles wie abgesprochen. Ich habe mich in Hadrami nicht getäuscht.
Zusammen mit Bati kehrt er nach Nouakchott zurück. Zu viert nehmen wir ein Buschtaxi nach Dakar. Die heiße Phase ist vorüber.


*Global Positioning System, Navigationsinstrument
*Abk. für span. F rente Po pular para la Li beracion de Sa guia el Hamra y Ri o de O ro, 1973 gegr. Befreiungsbewegung der von Marokko und bis 1979 auch von Mauretanien besetzten Westsahara *deutsch: Flaschenhals, Kontrollpunkt am einzigen Landzugang von Nouadibou
*Erzbahn, mit 4 km fahren hier die längsten Züge der Welt
*Deutsch (leider) Wadi, ausgetrocknetes Flußbett
*Seemannsausdruck für windabgewandte Seite
*Personalausweis
*Republique Islamique Mauretanienne
*Thermometer als ich Schienenstrang als sicheren Weg zu Claus Nouamghar Kilometer 53 am Strand Wendung auf der Vorderhand Delphine *Janni, Italiener will an der Stelle ein Zeichen setzen, stellt aber keine Gedenktafel auf, wie ich es zuerst verstehe sondern eine gelbe dreieckige Warntafel: Vorsicht explosiv!