Afrika, im Jahr darauf

Die Stationen: 27.2.91 Tunis/La Goulette 8.3.91 Assamaka 9.3.91 Arlit 10.3.91 Agadez 12.3.91 Niamey

Während wir in Trapani auf dem Kai eine Fischsuppe kochen schwenken B 52 die Tragflächen und wir wissen, daß der Golfkrieg vorbei. Ein Offizier auf dem Schiff bestätigt es uns und wir sind froh.
Auf der Fähre nehmen wir uns eine Kabine mit vier Kojen. Wir versuchen die zwei überzähligen zum halben Preis an Araber zu verchecken. Schon mal im Verhandeln üben...
Auf dem Schiff lernen wir einen jungen Mann namens Markus kennen und nehmen ihn mit. Er will bis Ghadaia. In la Goulette, dem Hafen von Tunis angekommen erleben wir die erste aufreibende Einreisezeremonie; Visum, Zoll, Polizei, Auto versichern.
Als das überstanden ist stecken wir ganz plötzlich in dem dichten afrikanischen Verkehr in Tunis, verirren uns, bei einem Kreisverkehr biegen wir falsch ab und landen in einer hinterhaltähnlichen Situation: die Straßen werden immer enger, so eng, daß man an den Ecken rangieren muß. Militär allenthalben. Es scheint ein gut bewachtes Botschaftsviertel zu sein. Wir sind gewarnt und hyperwachsam, wir rechnen jederzeit mit dem Unbekannten, wir hätten keine Chance zu entkommen. (wozu die Wachsamkeit?)
Dann sind wir auf einer großen Straße und finden den Weg aus dem fremden Großstadtdschungel.
Schon im Norden Tunesiens bekommt man durch den Blick auf die weiten grünen Hügel den Eindruck der Dimension des Kontinents. Fast könnte man meinen, man sei auf einem größeren Planeten als auf der Erde. Die Hügel erscheinen in der Entfernung durch den tangentialen Blickwinkel grün, wenn man auf den Boden zu seinen Füßen schaut, ist er braun und verdorrt, nur ganz spärlich mit Grashalmen übersät.
In einem tunesischen Truckstop essen wir Lamm mit Kichererbsen. Die erste afrikanische Mahlzeit. Die Mahlzeit, hat Soul. Weiterfahren.
Dann wird die Landschaft hügeliger, karger. Es fängt an zu dämmern, und wir kommen an die Grenze. Das zweite Zollgefutzel. Ausreise aus Tunesien.
Florians Auto wird nach allen Regeln zollamtlicher Kunst untersucht. Die anfänglichen Vorwürfe, welche die Zollbeamten aufgrund des Golfkrieges gegen uns hegen, kann ich mit den Argumenten zerstreuen, daß 1. die NATO-Bomber Deutschland nicht überfliegen durfte, 2. daß, indem wir Autos in Afrika verkaufen, die Steuern umgehen. Die Laune des Beamten schwenkt um 180 °, er wünscht uns, fast begeistert von unserer Mission, eine gute Reise.
Die Einreise nach Algerien: Wir parken unsere Wagten links neben der Zollkaserne. Es ist schon sehr dunkel, und wir hoffen, noch abgefertigt zu werden. Mein Visum ist gefälscht. Ich habe es zu früh beantragt. Der Tag der letztmöglichen Einreise war der 25.02.´91. Heute ist der 27.02.´91. Das sind zwei Tage zu spät. Algerische Beamte können ganz schön pingelig sein, das weiß ich von meiner Fahrradtour 1987, als sie mich ums Verrecken nicht einreisen lassen wollten. Ich habe den Monat geändert; aus der Zwei vom Monat machte ich eine Drei. Wenn es jemand merkt fällt mir bestimmt was dazu ein. Doch es merkt niemand. Dokumenten wird eben geglaubt, egal wie falsch es aussieht, Hauptsache Dokument.

Das gefälschte Visum

Sie machen Probleme wegen der Klingenlänge meines Taschenmessers. Wir lassen uns nicht beeindrucken, wechseln nur den minimalen Zwangsumtausch, schreiben die obligate Deklaration mit unserem radierbaren Kugelschreiber (aus Italien), wir versichern die Autos für zehn Tage. Die Stoßdämpfer im hintersten Winkel meines Kofferraumes bleiben unentdeckt. Den Rest der Probleme beseitigen wir mit ein paar Dosen Bier. Geschmeidig gemacht. Erst nach drei Stunden geht die Schranke auf, obwohl wir die Einzigen waren, und das große Algerien liegt vor unseren Kühlern. Eine pechschwarze Nacht erwartet uns, und nachdem wir die Grenze einigermaßen hinter uns gelassen hatten, parken wir am Straßenrand, hundemüde. Es stellt sich ein Adrenalinspiegel ein, niedrig, aber der uns bis zur Landung in Paris ständig begleitet; anfangs ist es die Unberechenbarkeit der arabischen Blicke, aber je weiter wir in die Wüste eintauchen, desto mehr ist es die Sorge um die Autos: Halten sie durch? Man ist der Fremdheit der hiesigen Zivilisation auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; wenn man die Autos verliert, kommt es einen teuer zu stehen.
In den Nächten gibt man sein Schicksal in die Hand Allahs.
Markus sitzt immer in Florians Auto, weil ich noch den Motor des Peugeots 305 auf der Beifahrerseite habe. Das ist ein gehöriges Gewicht, schließlich ist das Getriebe, der Vergaser, die Steckachsen und alles noch dran, und die Gurte, die ihn halten, ächzen in jeder Kurve, im dritten und vierten Gang klemmt der Motor meine Hand am Schalthebel leicht ein.
In Touggourt kenne ich mich fast nicht mehr aus, obwohl es erst ein Jahr her ist, seitdem ich hier war. Doch ich finde die Werkstatt von Bediz. Araber der nördlichen Sahara sind eigentlich milchkaffeebraun, aber Bediz hat wahrscheinlich lange in der Sonne gearbeitet. Er ist fast schwarz. Oder ist es Wagenschmiere? Er erkennt mich und es gibt einen freundlichen Empfang. Es bittet uns herein, und es ist gleich familiär. Wir sind zum Abendessen eingeladen. Morgen ist hier Feiertag. Wir besprechen, was geschehen soll. Die Radlager von Florians Peugeot sind schon in Deutschland im Arsch gewesen, aber jetzt gebe ich ihnen keine 500 km mehr. Zudem wird die Straße nicht besser. Bediz hat keine Ersatzteile, kann sie aber wahrscheinlich besorgen. Er will auch am Sabbat an unseren Autos arbeiten. Ich habe aus Deutschland Stoßdämpfer mitgebracht. Die müssen hier eingebaut werden, damit das Auto beim Bremsen nicht durchschlägt. Auch müssen Bleche unter den Ölwannen, zum Schutz vor Steinen. Ich habe gehört, daß es hier Wegelagerer gibt, die mit Absicht Steine in ausgefahrenen Wegen vergraben, um die Ölwanne vorbeikommender Autos zu demolieren. Das Auto ist dann verloren, man muß es zurücklassen. 24 Stunden später ist es dann bis auf das Gerippe ausgeschlachtet, die Teile kann man in einer der umliegenden Städte auf einem Markt wiederfinden.
Es geschieht alles wie besprochen. Zudem verkaufe ich den Peugeot Motor gegen Devisen. Das Entladen ist ein Kraftakt. Mit einer Eisenstange, die wir durch beide Vordertüren stecken und den Motor anhängen, wollen wir ihn herausheben. Das ganze Gewicht hängt auf meiner Seite. Ich schätze das ganze Ding wiegt so ca. 250 kg. Wegen der Hebelgesetze kommt mehr als die Hälfte auf mich. Scheiß Hebelgesetze. Vom Platz her können wir es aber nicht anders machen, und irgendwie geht es dann auch, ganz nach dem Motto: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin..."
Die Deklarationsliste wird geändert. Dort steht jetzt „moteur electrique“ anstatt „moteur 305 usé“. Bediz gibt mir einen großen Elektromotor mit. Dann baue ich den Beifahrersitz wieder ein. Mein Auto ist jetzt über 200 kg leichter, und ich habe viel mehr Platz.

Reifendeal

Um seine Reise durch Afrika zu finanzieren schmuggelt man Reifen ins Land. Sie stehen zwar auf der Deklarationsliste, die ist aber mit einem radierbaren Kugelschreiber aus Sizilien(!) geschrieben. Man wird dann im Lande von gewissen Personen angesprochen und verkauft die Reifen, die in Deutschland weggeschmissen werden für bis zu 800 Dinar das Stück. (Der Zwangsumtausch von 1000 Dinar waren dieses Jahr ca. 110 DM.) Man bekommt noch einen wirklich zerschlissenen Reifen, damit die Anzahl auf der Deklarationsliste wieder stimmt und sucht das Weite. Man soll sich vor Zivilpolizisten und Spitzeln hüten.
Und so fahren wir durch Biska, spähen herum, steigen aus, unsicher und neugierig. Am liebsten würde ich mich in das Getümmel des Marktes stürzen, aber wir lassen unsere Autos nicht aus den Augen. Schnell sind ein paar Leute da, die sich für Reifen interessieren. Doch sie haben dunkle „Ray Ben“ Brillen, und ich halte sie für Polizisten. In so einem Fall stelle ich mich am liebsten dumm. Ich sage das wir natürlich Reifen dabeihaben. Als sie dann fragen, ob sie welche abkaufen könnten, tue ich verblüfft und sage, daß wir die Reifen leider selber brauchen, so gern ich welche abgegeben hätte. Wahrscheinlich eine ungewöhnliche Reaktion, denn sie wissen nicht weiter und lassen uns schnell in Ruhe.
Die nächsten Interessenten scheinen mir eher geheuer. Wir machen einen Treffpunkt außerhalb der Stadt aus. Dort fängt das Spielchen an. Die anderen halten nicht weit genug draußen, ich fahre einfach weiter. Sie brettern hinterher, suche mir selbst eine geeignete Stelle für den Deal aus. (Man soll sich nicht von anderen ihren Willen aufzwingen lassen.) Dann geht es los. Ich lege einen Reifen auf die Pritsche ihres Autos und sage den Preis. Sie wollen nicht mal die Hälfte davon bezahlen. Ich spüre jedoch ihr Interesse. Ich mache also Anstalten den Reifen wieder in mein Auto zu packen, da durchkreuzt Florian meine Taktik, indem er einen Reifen von sich anbietet und ihrem Preis ziemlich nahe kommt. Ein böser Blick von mir.
Letztendlich sind wir ein paar Reifen los und um einige Dinar reicher, viel mehr als wir umgetauscht haben. Deshalb müssen wir das Geld jetzt verstecken. Wenn man mit mehr Geld erwischt wird, als auf dem Deklarationszettel steht, wird es problematisch. Ich entscheide mich für den Aschenbecher, rolle die Dinar eng zusammen und stopfe Schokoladenpapier davor. Florian hebt eine Abdeckung am Lenkrad ab und versteckt es dort.

Kontrolle

In Ghardaïa kaufe ich mir einen Ölfilter, denn im Motorraum habe ich eine Karte gefunden auf welcher der letzte Ölwechsel knappe 50.000 km zurückdatiert wurde. Außerdem bekomme ich ein anderes Verhältnis zum Geld, weil ich weiß, dass ich es nicht aus dem Land nehmen kann. Mit acht abgefahrenen Reifen im Gepäcl lebt man in Algerien wie ein Fürst. In Ghardaïa lasse ich dann den Ölwechsel machen. Keine schmutzigen Finger, keine eingeklemmten Hände, kein dreckiges Hemd wie sonst, die heimischen Handwerker unterstützend...
Nachdem wir noch zusammen gegessen haben steigt Markus hier aus. Während des Essens parken die Autos direkt vor der Tür, damit wie sie im Blick haben, trotzdem sind wir angespannt. In den Städten haben wir Angst beklaut zu werden und wir sind jedes Mal froh, wenn wir sie hinter uns gelassen haben. Später cruisen wir noch durch die Stadt, und geraten - verdamt noch mal!! - in eine Polizeikontrolle. Wir müssen dem Flic ins Revier folgen. Dort werden wir durchsucht. Zuerst die Klamotten, danach werden die Devisen und die Dinars nachgezählt, dann kommen die Autos dran.
Der Chef durchsucht meinen Peugeot, sein Gehilfe ist noch mit Florian im Büro. Mein Auto wird gründlich unter die Lupe genommen. Er schaut sogar unter die Lenkradabdeckung. Nur im Aschenbecher schaut er nicht nach. Als er fertig ist, schenke ich ihm meinen noch fast vollen Tabaksbeutel.
Florian kommt mit dem anderen aus dem Büro, und ich flüstere ihm zu, daß die auch unter dem Lenkrad nachschauen. Ich glaube festzustellen, wie er etwas nervös wird. Doch sein Flic ist noch im Büro und so versucht Florian noch schnell das Geld rauszuholen und in die Tasche zu stecken, seine Taschen sind ja schon durchsucht. Doch als er den Deckel abhebt, entfächern sich die vielen Scheine, und es ist zu spät. Mein Cop sieht es. Er zählt es. Es sind 1600 Dinar. Mit dem Geld im Geldbeutel zusammen wären es ca. 1000 Dinar zuviel, selbst wenn wir bis hierher nichts ausgegeben hätten. Florian fängt an, eine Geschichte zu erzählen. Ich will ihm helfen, doch der Polizist läßt es nicht zu. Schließlich läßt er uns laufen. Mit den Geld. Ich hatte fest damit gerechnet, daß er es konfisziert. Wahrscheinlich hat das Tabakgeschenk eine Rolle gespielt.
Die lange Strecke von Ghardaïa über El Goléa nach InSalah erscheint so lang, weil sie über eine 545 km große Ebene führt. Die Strecke bewältigen wir großenteils nachts. Die Nächte sind antrazithschwarz Der Weg ist weit. Wir berechnen den Mondaufgang, halten zur gegebenen Stunde an und genießen das Schauspiel am Horizont, welches für kurze Zeit Abwechslung in die "Fahrarbeit", das Bewältigen von hunderten von Kilometern auf einer geraden Straße, bringt. Die Strecke ist so weit, und doch befinden wir uns in einer Blase, in einem eigenen winzigen Universum, das aus unseren Autos und ihren Lichtkegeln besteht. Wir sind allein!
Um die Langeweile ein bißchen zu vertreiben fahre ich ein paar Mal auf Florians Auto auf. Wie fahren so ca. 100 km/h und es ist jedesmal nur ein kleiner Ruck und total ungefährlich. Trotzdem macht Florian nicht lange mit, sondern latscht voll auf die Bremse, daß alle vier Räder blockieren. Ich habe gerade einen Abstand von vielleicht einem halben Meter. Ich bremse besser und wir prallen nicht zusammen.
Kurz vor InSalah bricht die Ebene plötzlich ab, und es geht in steilen Serpentinen bergab! Es ist Mittag. Wir stoppen, um einen Blick in die Landschaft zu werfen. Unten in der Schlucht liegt ein zerschmetterter Tanklastzug. Der hat wohl nicht mehr bremsen können, und der Fahrer hat wahrscheinlich nicht überlebt.
Florian sagt, er müsse tanken. Das kann ich kaum glauben. Ich habe zwar den größeren Tank in meinem Auto, doch es verbraucht auch mehr, und normal muß ich vor Florian tanken. Und jetzt habe ich noch Sprit. Da sein Peugeot auch Probleme mit dem Anspringen hat, vermute ich, daß sein Unterbrecher im Arsch ist. Wir haben einen zur Reserve dabei.

InSalah

In einer Seitenstraße in InSalah parken wir die Autos, und ich mache mich daran, den Unterbrecher zu wechseln. Florian soll aufpassen, daß nichts Füße bekommt. Doch er findet es besser, mich total zu nerven und irgendwelche Schönheitsoperationen im Motorraum seines Auto zu erledigen, während ich versuche, mich daran zu erinnern, wie mir Claus vor ein paar Wochen in einer anderen Welt erklärt hat, wie man so ein Ding wechselt und ohne teure Geräte grob einstellt. Das Auto springt wieder sauber an und läuft beim ersten Probelauf perfekt.
In dem kleinen Laden, vor dem wir geparkt haben, wollen wir einkaufen; um uns etwas zu gönnen und um den Ladenbesitzer zu unterstützen. Doch die Auswahl ist so armselig, daß wir kaum was finden, was uns zusagt. Das Einzige, was man in dem Laden bekommen kann ist der Blues.
Die Mittagshitze auf dem Platz. Es ist eigentlich eine Kreuzung, drei Straßen führen hinaus in die Wüste. Ein kleiner Alter will mit nach Tamanrasset. Auf seiner öligen, olivfarbenen Haut zeichnen sich weiße bis schwarze Bartstoppeln deutlich ab. Die Furchen in seinem Gesicht gehen tief. Ich nehme ihn mit. Gegen Abend kontrollieren wir die Reparatur an Florians Wagen; ist in Ordnung. Sobald ich aussteige, verläßt auch der Alte das Auto und stellt sich soweit davon weg, daß er nicht in Verdacht geraten kann, etwas zu stehlen - eine Verhaltensweise, die beim Trampen hier wohl zum guten Ton gehört. Die Fahrt über schweigt er. Spät abends nehmen wird noch einen Tee, ein Omelett. Ein kurzes Gespräch mit meinem Bruder, dann sind wir wieder alleine in unseren Autos, ich mit dem Alten. Die Müdigkeit täuscht mir einen Tannenwald am Rande der Straße vor, die Äste hängen niedrig über der Straße und ich passe mit meinem Peugeot gerade so drunter durch. Die Strecken zwischen Oasen sind lang und nachts oft eintönig. Ein paar Stunden nach Sonnenuntergang geht der Mond auf und begleitet uns.

Das Grab des Marabout

Gegen drei Uhr nachts fahren wir an einem Schild vorbei. Wir bremsen, setzen zurück, es ist der Ort, den wir suchen. Wir biegen rechts ab und eine hügelige Piste führt uns auf eine steile Felswand zu, nur wenige hundert Meter entfernt. Am Fuße dieser riesigen Felsberge zwischen Findlingen stehen ein paar weiß gekalkte Häuser. Im grellen, kalten, klaren Mondlicht stechen sie deutlich von der Felswand ab. Wir folgen den Lichtkegeln unserer Autos und umrunden dreimal das Grab des Marabout Moulay Hassan, der hier ruht. Diese Zeremonie soll Reisenden Glück bringen, sagt die Legende. Wir stellen uns zwischen die Findlinge, schalten die Motoren ab und lassen uns von der Stille, dem Mondlicht und den bizarren Formen der Felsen, die aussehen wie versteinerten Elefanten, der weißen Sandebene und den Bergen dahinter, dazwischen der klaren Luft, verzaubern.
Die Autos stellen wir rückwärts an einen Findling. In der entstandenen Wagenburg lagern wir. Die Nacht wird kalt. Morgens hockt der Alte zusammengekauert unter seiner Decke und klappert vor Kälte. Es gibt Tee mit Quellwasser vom Hinterrhein.
In InEcker kehren wir in einem Café am Straßenrand ein. Es wird normalerweise von Fernfahrern frequentiert. Ich kenne den Besitzer Mohammed noch vom Vorjahr. Damals hat er mich beeindruckt, weil er der einzige Araber war, der nicht handeln wollte. Aber das war letztes Jahr. Jetzt will auch er irgendwas kaufen oder verkaufen.
Wir bestellen Eier. Sie werden uns auf Plastiktellern serviert und schmecken ziemlich nach Weichmachern.
Mohammed erzählt uns die Sage, die sich um den Marabout rankt. Ein Marabout ist ein Muslimgeistlicher auf Pilgerfahrt. Dieser Marabout, an dessen Grab wir genächtigt haben war ein recht berühmter. Als er starb, bauten seine Anhänger um sein Grab ein paar Häuser, in denen Reisende kostenlos übernachten können und auch verköstigt werden. Es wird durch Spenden finanziert. Das nenne ich gelebter Glaube.
Auch wir entrichten unseren Obolus, den ein Truckfahrer mit dorthin nimmt. Wir sind guter Dinge, weil wir jetzt glauben, unsere Reise stehe unter einem guten Stern.

Tamanrasset

In Tamanrasset lagern neben Sattelschleppern und Kamelkarawanen Giraffen und Elche im Oued. Wir wohnen auf dem Campingplatz, erledigen unsere Deals und bereiten uns ernsthaft vor. 600 km Sand und Ungewißheit liegen vor uns. Die Wasser- und Benzintanks sind voll. Der Kopf ist eher voller Erinnerung an die letzten Tage, als voll Sorge vor den kommenden. Dann geht es los.
Die ersten 80 km von Tamanrasset nach Süden sind Teer, jedoch schlimmster Art. Merkwürdigerweise hat sich auch hier das typische Wellblech gebildet. Das Rütteln ist eine Tortur, und ich versuche, nicht an die Belastung des Fahrwerks zu denken. Den größten Teil der Entfernung haben wir zwar schon geschafft, doch auch der "kleine" Teil, den wir noch vor uns haben, bedeutet ca. eine Woche fahren.
Endlich ist die Teerbahn zu Ende, und eine breite Piste durch eine savannige Gegend liegt vor uns. Euphorie kommt bei uns auf. Den guten Rat von Bediz "Il faut rouler doucement, doucement, et on arrive."‡‡ haben wir gut verstaut im Hinterkopf, irgendwo darüber lagern Erinnerungen an Fernsehbilder von der Rallye Paris- Dakar, die den Ratschlag voll verdecken. Die Konzentration des Fahrers ist immer total gefordert, denn es gilt, das beste Stück Piste zu erwischen, außerdem fahren wir ja zu schnell. Das geht nicht lange gut.

Pannone- (große Panne)

Florian fährt vor mir. Sein Peugeot wippt durch drei kurz aufeinanderfolgende Querrinnen, in der dritten knickt sein linkes Hinterrad ab. Es stinkt nach heißem Gummi.
Ich überhole ihn so schnell es geht und stoppe ihn. Wir schauen uns die Bescherung an. Die Radaufhängung, ein doppelter U-Träger war sehr von Rost zerfressen und durch die Belastung abgedreht. Es muss geschweißt werden. Man kann mit dem Auto nicht mehr weiter fahren, da das Rad am Stoßdämpfer schleift, und die Gefahr besteht, dass es ganz abreißt. Jetzt stecken wir in der Tinte. Die nächste Stadt Tamanrasset und bis dort hin sind es cirka 100 Kilometer. Ehrlich gesagt fällt mir nicht das Geringste ein, wie wir hier wieder raus kommen können. Es kommt jedoch weder bei mir noch bei Florian die geringeste Unruhe auf, aber wieso auch? Das Problem ist nicht lebensbedrohlich, sondern eher organisatorischer oder eben finanzieller Art. In dieser Beziehung ist es dafür ein großen Problem. Wir befinden uns auf algerischem Boden, und wenn man hier ein Fahrzeug aufgeben muß, kostet das 200% Zoll, von einem Fahrzeugwert, den die algerischen Behörden bestimmen!
Wir stehen also blöd 'rum, versuchen zu scherzen, während sich die Sonne am Horizont daranmacht unterzugehen. Ich sehe die drei Soldaten erst, als sie nur noch 30 Meter weg sind. Barfuß und in lumpiger Uniform kommen sie auf uns zu. Sie bitten uns um etwas Zucker. Wir geben ihnen reichlich, nicht ohne Hintergedanken. Nachdem wir ihnen unser Problem erklärt haben, beteuern sie uns, das sei gar kein Problem. In dem Fort ihrer Garnison gäbe es ein tragbares Schweißgerät. Die Soldaten wollen es holen. Einen kurzen Moment bin ich schon erleichtert, doch meine Erfahrung mit dererlei blendenden Problemlösungen lassen mich zweifeln. Während die Soldaten losziehen spielen wir Huale, das afrikanische Bohnenspiel. Dann wird es dunkel. Abends kommt der Captain im Jeep vorbei und schaut sich den Schaden an. Es wird ohne Ergebnis geredet, nur damit was geredet ist.
Am nächsten Tage gehe ich zu Fuß in Richtung Fort. Ich will sehen, was sich machen läßt, in Sachen tragbares Schweißgerät. An der Pforte sehe ich niemanden. Ich rufe und warte ab. Mit militärischen Einrichtungen bin ich vorsichtig, seit ich einmal morgens in Marokko mit Christoph fast verhaftet worden wäre, weil wir auf Militärgelände gecampt hatten. Nach geraumer Zeit kommt ein Soldat barfuß vorbei. Ich erzähle ihm die Geschichte. Er ruft einen anderen Soldaten, und ich fange von vorne an zu erzählen. Der neue Soldat sagt: "Je vais appeller le monsieur;- ich werde den Herrn holen." Der andere Soldat wundert sich laut über den Ausdruck "le monsieur" für den Vorgesetzten. Also, ehrlich gesagt, entbehrt dieses Fort nicht einer gewissen Ähnlichkeit mit den Forts, dargestellt in den "Asterix" Heftchen.
Dem Captain erzähle ich die Geschichte in meiner unermeßlichen Geduld noch mal, und als er mir erklärt, daß er mir nicht helfen kann, denn das tragbares Schweißgerät sei nicht tragbar, und Zivilfahrzeuge dürften nicht ins Fort, bin ich zumindest über die Entscheidung froh. Es ist immerhin eine Entscheidung.
Dann lenkt der Captain selbst ein und sagt, wenn man das kaputte Teil ausbauen würde könnte man es selbstverständlich im Fort schweißen. Er werde einen Mechaniker vorbei schicken, der uns beim Ausbau behilflich ist. Ich laufe wieder zurück. Das Gefühl, das Problem sei gelöst, macht sich bei mir in keiner Weise breit.
Ich erstatte Florian Bericht, wir lassen die Situation auf uns wirken und überlegen. Dann sehe ich einen Wüstenfahrer. Es ist ein Hauben- LKW mit Pritsche, darauf ein weiterer Hauben- LKW mit Pritsche der wiederum einen Mercedes- PKW geladen hat. Der Fahrer tankt gerade, d.h. er füllt mittels eines Schlauchs Diesel von dem Tank des oberen Lkws in den des unteren. So spart man Reservekanister! Ich kenne den Fahrer jedenfalls vom Vorjahr. Auch er erinnert sich an mich. Wir waren zur gleichen Zeit auf dem Campingplatz in Tamanrasset. Wir überlegen gemeinsam, wie er helfen könnte. Man könnte Florians Karre rückwärts schleppen, die Hinterachse in der Luft. Aber das Heck des Autos würde zu großen Schaden nehmen. Also verwerfen wir die Idee, und ich kehre zu Florian zurück.
Von weitem sehe ich Sachen, die mir nicht behagen, doch ich bin noch zu weit weg, um eingreifen zu können.
Florian sieht Laster am Horizont. Er rennt winkend auf ihn zu. Der LKW bleibt stehen, der Fahrer macht Pause oder tankt oder schifft oder macht sonst etwas. Jedenfalls steigt die ganze Ladung Schwarzer, (ca. 30 Leute) ab und sie gehen schnell in Richtung Florians Auto. Zuerst geht Florian ihnen noch entgegen, dann merkt er was und macht, daß er zurückkommt, die ums Auto verstreuten Sachen verstaut und das Auto abschließt. Keine Vorurteile gegen Schwarze an dieser Stelle, aber es steht zuviel auf dem Spiel. Als ich dazu komme, hängen mindestens fünf Schwarze auf Florians Auto ´rum und liebäugeln mit den schönen Dingen, die sie hinter den Scheiben sehen. Die anderen 20 lümmeln in der Gegend herum.
Der nächste Lkw mit baumlangem, schwarzen Fahrer ist verhältnismäßig leer. Es ist zumindest Platz für ein Auto. Er fährt zurück nach Tam. Der Fahrer fängt mit 3000 FF an zu handeln, schließlich zahlen wir 500, die ich in einiger Entfernung aus der Konsole meines Autos ausbaue. Eine Sanddüne dient als Laderampe, die Seitenbracken des Lkws verwenden wir, um die kurze Lücke zwischen der Düne und dem LKW zu überbrücken.. Das Auto ist schnell aufgeladen und mit Ersatzreifen links und rechts gepolstert, es wird dennoch verdätscht.
Auf dem Rückweg muß ich mich sputen (70 km/h in grobem Gelände) und verliere ich trotzdem den Lkw, begegne aber zum ersten Male zwei Deutschen, die sich nach verlorenen Kollegen erkundigen. Die zwei werden sich auch noch verlieren und sich uns nachher einzeln anschließen.
Vor der Stadt ist eine Sandgrube. Dort löschen wir. Den Rest muß der Peugeot aus eigener Kraft und im Schrittempo schaffen. Ich laufe nebenher und schmiere reichlich Fett zwischen Reifen und Stoßdämpfer. So erreichen wir Mohammeds Werkstatt, und erst jetzt glaube ich, das Problem ist gelöst.
Das Auto wird aufgebockt, das Rad gerade gebogen, gepunktet, dann der Reifen abmontiert und der T-Träger angeschweißt. Härtetest? - Es passen zwei Finger zwischen Reifen und Stoßdämpfer. Das kontrollieren wir in nächster Zeit ein paar Male, es hält. Nun geht es erst einmal ans Bezahlen. Die Reparatur soll nach hartem Feilschen 600 kosten, die wir nun nicht mehr haben. Wir haben mit unserem Gelde gepraßt. Ein Reifen ist uns geblieben. Doch nun sind wir in der schlechten Verhandlungsposition, verkaufen zu müssen. Wir müssen 600 für den Reifen bekommen, sonst können wir die Reparatur nicht bezahlen. Der Vermieter der Garage ist da. Er will den Reifen haben. Schließlich haben wir ihn soweit, daß er die 600 bezahlt. Der Reifen wandert zu ihm, das Geld zu uns, von uns zu Mohammed, und von ihm, da er dem Vermieter noch Geld schuldet, zu diesem zurück. Nach dem Ringdeal können wir mal wieder los. Was wir auch tun, nachdem wir alles Schwere in mein Auto gepackt haben. Man soll das Schicksal nie herausfordern.

Nächster Versuch

Wir befinden uns kurz außerhalb von Tam. Florian hat Kopfschmerzen. Ich koche einen Tee. Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts Soldaten auf und fragen, ob wir alleine sind. Florian sagt leichtfertig "Ja", doch ich widerrufe unauffällig diese unvorsichtige Äußerung. Man weiß nie, und die sind in der Mehrzahl, haben nichts zu verlieren, nicht mal Schuhe an den Füßen, sind wahrscheinlich hierher strafversetzt, und wer würde es ihnen verdenken, wenn sie...
Wir schenken ihnen reichlich Würfelzucker, und sie ziehen von Dannen.
Fünf Minuten später wird meine Aussage, wir wären reicher an Zahl auf wundersame Weise wahr. Wir treffen Phil, einen Deutschen, der seine Freunde verloren hat. Ich nenne ihn einen sprechenden Klumpen Dreck, denn er ist über und über mit einer grünlichen Staubschicht bedeckt. Er war in einem Feschfeschloch steckengeblieben und hatte sich beim "Ausstauben" beschmutzt. Wir geben ihm Wasser, denn sein Vorrat ist im Auto eines seiner Freunde, die er zwei Stunden zuvor verloren hat, er wäscht sich und begleitet uns.
Dann treffen wir auf Andi, einen der verlorenen Freunde von Phil, der zu Fuß quer zur Piste rennt um uns anzuhalten. Er ist froh, wieder Anschluß zu haben. Allerdings ist sein Auto nicht mehr fahrtüchtig. Es hat ein Loch in der Ölwanne. Erst drei Kilometer nach dem Schaden hat er gemerkt, daß der Öldruck weg war, hat das Auto stehenlassen und ist mit einer Handvoll Möhren gegen den Durst, quer zur Piste gelaufen, um Hilfe zu holen. Er sagt er wäre 17 km gelaufen, was mir aber übertrieben erscheint. Die Piste ist schon mal 10 km breit, stellenweise auch mehr, aber 17 km ohne Wasser durch den Sand zu laufen ist vielleicht etwas übertrieben. Da es mal wieder Abend wird, lagern wir an einem Felsen. Phil und Andi fahren zu Andis Mercedes, um ihn mit Flüssigmetall zu reparieren. Das Zeug muß zwölf Stunden aushärten. Als sie zurück sind, leeren wir meine mitgebrachte Flasche Johnny Walker.
Am nächste morgen fährt ein Bus mit der Aufschrift: "Wenn's ums Geld geht Sparkasse Elmshorn" an uns vorbei. Es liegt nicht an unserem Kater!
Phil und Andi kehren um. Sie glauben ihre zwei anderen Kumpane sind nach Tamanrasset zurückgefahren.
Irgendwann habe ich wieder Orientierungsunsicherheiten, und als wir einen LKW in geraumer Entfernung vorbeifahren sehen, wollen wir uns ihm anschließen. Doch als ich das Florian signalisieren will, sehe ich, daß er einen platten Reifen hat. Dann signalisiere ich ihm halt das!
Es erfolgt ein fliegender Reifenwechsel. Und während ich danach das Werkzeug und den Wagenheber einpacke braust Florian schon mal los, um dem LKW zu folgen. Ich kann mir Zeil lassen, denn die Staubfahne von Florian's Wagen ist kilometer weit zu sehen. Und so erwischen wir den LKW doch noch und schließen uns ihm an.
Als die LKW Fahrer Pause machen kochen wir zusammen. Jeder trägt was zur Suppe bei. Jause arabisch. Ein Beifahrer ist körperlich beeinträchtigt. Seine Beine sind unbrauchbar und verkümmert. Ansonsten ist er gesund. Er nagt einen Knochen, gebraten im Feuer, gewürzt mit Asche und Sand, ab. Er bietet mir den Knochen an, und ich nage weiter.
Als wir weiterfahren, bleibt der LKW nach kurzer Zeit an einer schwierigen Stelle direkt vor mir stehen. Auch ich muß anhalten und bleibe stecken. Der LKW kommt von alleine raus. Ich nicht. Wir sind wieder alleine.
Es liegt die schwierigste Passage der Piste vor uns. Zwischen festem, aber steinigem Grund, lange Weichsandfelder, durch die wir mit viel Schwung durchfahren müssen. Hier stehen viele Autowracks, eine weithin sichtbare Warnung. In diesem ist die Wüste fair.
Busse mit Reisenden sanden ein. Während der Busfahrer seinen Karren wieder flott macht, begrenzt eine Schar von Leuten unseren Parcours, den wir wie Golfer vorher beäugen: Steilheit, Bodenkonsistenz, mögliche Felsen und daraufhin, wie die Speed zu dosieren ist.

In-Guezzam

Schließlich erreichen wir In-Guezzam. Wir treffen hier die restlichen Freunde von Phil und Andi, die sich nach einer Reifenpanne ohne eigenen Reservereifen Franzosen anschließen mußten. Sie hatten nach ihren Freunden Ausschau gehalten, einer kuckte links, der andere rechts und so waren sie über einen Stein gebrettert, der ihnen ein Rad zerschlug. Ansonsten wären sie schon nach Tam zurückgekehrt wären, wie Phil und Andi vermuteten. Man hört Geschichten, nach denen Wüstenfahrer mit den eigenen Autos Unfälle mit Totalschäden bauen. Sachen gibt’s. Wir gönnen uns jedenfalls erst einmal ein gutes Kneipenessen.
Hinter In-Guezzam wird die Landschaft flacher, endlich Grenze, Ausreise aus Algerien, Einreise in den Niger, die Schwierigkeiten mit Zollformalitäten lassen Florian kurzzeitig den Überblick und die Kontrolle über sich verlieren. Ich sehe nur, als ich mich auf dem Wege zum Polizeibüro kurz umblicke, wie er über den Platz läuft, in den Sand kickt und sich setzt. Ich mache weiter meinen Kram. Dann ist alles erledigt, und wir können das erste Bier genießen. Da keine Strommasten zu sehen sind, wage ich es, den E-Motor zu verchecken, von dem ich nicht weiß, ob er kaputt ist. Aber was heißt schon in Afrika kaputt. Die Leute hier kriegen doch alles zum Laufen. Und dennoch lautet unsere Devise mal wieder: "Nichts wie weg!"
Wir campieren mit zwei Kölnern die in einem Jeep unterwegs sind unter dem einzigem Baum weit und breit. Seltsame große bleiche Insekten, vermutlich White Ladies (Spinnen) von unseren Lampen angezogen huschen unheimlich schnell, geräuschlos und ohne Spuren zu hinterlassen hin und her. Der Grusel lässt uns alle in den Autos schlafen.
Irgendwann biegt die Piste nach Südosten ab: die Kurve ist eine Sensation. Ansonsten heißt es nur noch Gas geben, und die Zeit verrinnt so langsam, als blicke man fortwährend auf eine Uhr.
Dann ist es endlich so weit: Teerstraße! Kurz darauf sind wir in Arlit. Hier gönnen wir uns Bier, Steak und Pommes. Die ersten Interessenten unterbreiten uns ihre Angebote. Florian lehnt ab im Glauben, noch bessere Preise geboten zu bekommen.
Florian fährt voraus, ich in großem Abstand hinterher. Plötzlich wird er gestoppt. Ein Uniformierter mit Gewehr fragt ohne einen Blick ins Auto zu werfen: "Ou est votre Feuerlöscher?" (Wo ist Ihr Feuerlöscher?) Das letzte Wort in perfektem Deutsch. Da Florian keinen vorweisen kann, fängt der Typ an sich in Florian Kofferraum Sachen auszusuchen. Die Kanister finden seinen Gefallen, und er stellt sie auf die Straße. In diesem Moment komme ich hinzu. Es entwickelt sich folgender Dialog:

- Was ist das Problem?
- Sie haben keinen Feuerlöscher.
- Wozu brauchen wir einen?
- So will es das Gesetz.
- Seit wann gibt es dieses Gesetz?
- Schon immer.
- Das stimmt nicht. Als ich vor einem Monat hier vorbeikam gab es das Gesetz noch nicht.
Und damit packe ich die Kanister wieder in Florians Auto, und wir hauen ab. Mal wieder. In Afrika ist man immer auf der Flucht.

Agadez

In Agadez gehen wir auf den Campingplatz. Unser Geld ist wirklich zur Neige, und wir sollten besser ein Auto verkaufen. Ich habe auch keine Lust mehr alleine im Auto zu sitzen, sondern würde mich viel lieber mit Florian während der Fahrt unterhalten.
Abends gehen wir einen trinken. Wir trennen uns zeitweise, da ich die Schönheit der Schwarzen (Mädels) ergründen möchte. Am nächsten Morgen weiß ich mich infolge des Alkoholgenusses nicht mehr an alles so genau zu erinnern. Des weiteren sind hier nicht alle Dinge von Belang, an die ich mich noch erinnern kann.
Fest steht: ich stand irgendwann ziemlich betrunken an einer Theke, umringt von fünf Gewerbemädchen, die ich alle zum Trinken einlud, als wollte ich den Durst ganz Afrikas löschen. Hinter mir war eine Schlägerei im Gange, die ich irgendwie verursacht haben solle. Und dabei habe ich sie fast nicht einmal wahrgenommen. Ich war völlig unbedarft und betrunken. Auch später, als ich draußen auf der Straße war und von ca. 18 Schwarzen angepöbelt und wirklich aggressiv angemacht wurde, ist alles an mir abgeglitten, als wäre ich unverletzbar. Komischerweise wurde mir auch kein Haar gekrümmt. Selbst als Florian mit geöffneter Beifahrertüre angerast kommt, um mich mitzunehmen, lehne ich ab. Die Situation ist höchst brenzlig, doch im Nachhinein glaube ich, wenn ich in dem Moment mit Florian mitgefahren wäre, es wäre unser Untergang gewesen. Wir hätten nicht so schnell unsere Sachen auf dem Campingplatz zusammenraffen können, um zu fliehen, wie dieser Mob uns gefunden und uns durch den Fleischwolf gedreht hätte. Ich weiß gar nicht, warum die so sauer auf mich waren, jedenfalls spürte ich, ich muß stillehalten, sonst passiert es.
Am nächsten Tage geht es mir gar nicht gut. Ich habe einen tierischen Kater, und ich vermisse zum ersten Male die Sonnencreme mit Schutzfaktor 20, die ich zwar gekauft, aber nicht mitgenommen habe.

Autoverkauf

Florian zieht alleine los und findet einen potentiellen Käufer, einen Unsympath und Windhund. Nach elendem Gezerre und zähen Preisverhandlungen, hin und her, treffen wir diesen Typen und seinen Gehilfen, denn ein Gehilfe ist für einen solchen Deal in Afrika immer dabei, um das Geschäft über die Bühne zu bringen. Wir holen sie am vereinbarten Treffpunkt ab und fahren zu einem Haus, in dem sie das Geld holen wollen. Die Schlösser der hinteren Türe haben die Strapazen der langen Wüstenreise nicht ganz überstanden und gehen nur noch von innen auf. Da wir beide vorne sitzen, öffnen wir unauffällig die Türen, bevor die zwei anderen zurückkommen. Sie merken nichts. Sie wissen auch nichts von dem Zündschlüssel, der eher ein Geduldspiel, als ein Zündschlüssel ist, denn wenn man nicht genau weiß wie man den Schlüssel halten muß gelingt es nicht das Auto zu starten.
Die Geldübergabe findet auf unserem Campingplatz statt. Der Gehilfe gibt das Geld dem Typen, der gibt es Florian, der es wiederum mir weiterreicht. Die Gehilfen sind für die Richtigkeit der Geldsumme verantwortlich. Ich zähle das Geld im Scheinwerferlicht. Während wir die restlichen Sachen wie abgemacht aus dem Auto räumen, fangen die andern Zwei schon an, Theater zu machen, uns zu verwünschen und uns zu drohen, uns die Polizei auf den Hals zu hetzen.
Unserer schnellen, sauber durchdachten Flucht ist dann kurzfristig noch etwas in den Weg gekommen. Das Bier, welches wir auf dem Campingplatz tranken, haben wir am Anfang immer anschreiben lassen, es dann doch irgendwann bei einem bezahlt, der jetzt nicht da ist, und sollen es jetzt erneut bezahlen. Wir einigen uns mit dem Campingplatzbesitzer, zahlen noch einen Betrag und rauschen von dannen.
Wir haben in der Stadt fertig gekochtes Fleisch in einem Topf mitgenommen. Wir verspeisen es in sicheren Entfernung von der Stadt (ca. eine halbe Stunde Fahrt) in der stockdunklen Prärie. Es schmeckt süß.
Am nächsten Tag, es muß der 11.03.1991 sein, habe ich endlich meinen Chauffeur und kann die Füße hochlegen. Und ich glaube, Florian ist froh, endlich in einer Limousine fahren zu dürfen. Es ist relaxing Ein Gefühl, das meiste geschafft zu haben, macht sich breit.
Neben uns startet ein Geier und knallt uns fast in die Frontscheibe. Als er beidreht ist er höchstens zwei Meter von uns entfernt.
Geier sind komische Tiere; am Boden sind sie häßlich, sehen niederträchtig und gemein aus und wenn man sie am Himmel sieht, empfindet man sie als höchst erhaben. Ich habe sie neben Kindern sitzen und im Müll picken sehen, ihre großen Schwingen sind am Boden so unnütze und sperrig. Sie waren größer als die Kinder selbst, und es ist hier so normal, wie wenn bei uns ein Hund neben einem Kind hockt.
In Tahoua verkaufe ich den Peugeot 504. Ich werde dazu fast gezwungen. Denn die Polizei verlangt beim Passieren die Papiere und gibt sie erst einmal nicht mehr heraus. Sie sagen, ich muß entweder soundsoviel Geld (einen Haufen) Zoll bezahlen, weil ich das Auto in der nächsten Stadt, Benin Konni, an Autodealer aus Nigeria verkaufen wollte, oder eine Polizeieskorte bezahlen (auch viel Geld), die mich an Benin Konni vorbeigeleiten würde. Oder ich verkaufe eben hier. Ein Händler findet sich auch sofort ein. Ich weiß, daß die hier sowieso unter einer Decke stecken, aber ich habe langsam die Schnauze voll. Und so geht das Affentheater wieder los. Wenn man sich endlich auf einen Preis geeinigt hat, zählt die eine Partei die Kommission oder die 10000 CFA für den Zoll drauf, die andere zeiht sie ab, man ist sich wieder uneins und es geht von vorne los.
Ich bekomme 620000 CFA. Das bedeutet alle drei Taschen meiner Hose gefüllt mit Scheinen. Schnell alles Zeug in den Seesack und mal wieder schnell weg, obwohl wir jetzt zu Fuß nicht so schnell sind. Aber mein Auto ist auch nicht so demoliert, daß man sich hätte schämen müssen, geschweige denn fliehen.

Mit dem Bus nach Niamey

Wir gehen zum Busbahnhof. Hier stehen ein paar Toyota Hiace, Kleinbusse. Einer davon soll nach Niamey fahren. Wir werfen unser Gepäck aufs Dach. Ein, zwei Stunden später fährt ein anderer Kleinbus neben unseren. Das Gepäck wandert aufs andere Dach. Anscheinend fährt der andere Bus nach Niamey. Dann kommt noch ein dritter Bus neben den zweiten. Wieder wandert das Gepäck weiter. Als dann der dritte Bus wieder neben den ersten fährt, glaube ich, ich hätte das Spiel erkannt: Verarschung. Aber es wird nur das restliche Gepäck des ersten Busses auf den dritten geladen, unter Überspringung des Zweiten.
In der Dämmerung fahren wir ab. Florian, der noch vor einer halben Stunde frohlockt hat, wie gut es ist, die zwei Blechkisten los zu haben und frei zu sein, sitzt hinten mit zwölf Erwachsenen und drei Kindern, man kann sagen eingepfercht, und fängt recht bald an, erst unüberhörbar, dann immer lauter zu fluchen und zu schimpfen. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Ich sitze vorne zwischen Fahrer und Beifahrer. Zusammen sind wir also 16 Erwachsene und drei Kinder. Auf dem Dache schweres Gepäck. Zweimal geht ein Reifen flöten. Das erstemal steigt alles aus, und alles hat nach dem Wiedereinsteigen einen schlechteren Platz als vorher. (Alle, bis auf mich.) Beim zweiten Mal steigt keiner mehr aus. Für den Beifahrer ist das eine gehörige Plackerei. Er muß das Auto aufbocken.
Dann gehen zwei Reifen auf einmal flöten. An der nächsten Werkstatt werden die vier Reifen geflickt. Die Leute legen sich auf den Boden, um weiter zu schlafen; es ist schon in der Nähe des Niger, und Florian hat Befürchtungen, von Malaria gestochen zu werden .(!)
Wir fahren die ganze Nacht durch. Mein müder Kopf kippt wohin er will, aber ich muß wach bleiben. Ich habe soviel Geld dabei, wie manch einer hier im Bus vielleicht nie in seinem Leben verdienen wird, und ich möchte gerne die Kontrolle behalten.
Immer wieder machen wir in Städten Halt, und es gibt Handel, weichen Lärm, Düfte und dieses unvergeßliche Licht, wenn ganze Straßenzüge von Petroleumlampen erleuchtet werden.
Im nächsten Ort wird der Markt in den Bus verlegt; Kassettenrecorder gehen rein, raus, feilschen, rein, raus, rein. Ähnliches geschieht mit Seifen, Glasperlenketten etc. Es riecht nach scharf gebratenem Fleisch und süßem Tee. Der neu erworbene Recorder dröhnt voll übersteuert, bis Florian ausrastet und rumbrüllt. Ein Araber bittet den Radiohörer höflich, leiser zu machen, was auch geschieht.
Irgendwann, mitten in der Nacht, erwischen sie einen Schwarzfahrer. Es wird angehalten, diskutiert. "Ecoute, mon frère..."††† Ein anderer verbürgt sich für den Pechvogel und bekommt als Pfand dessen Gepäck. Es geht weiter.
Während eines Stopps nehmen die beiden Fahrer einen Ölwechsel vor. Das Altöl wird in die Prärie gekippt. Gegen Morgen leert sich der Bus langsam. Einer nach dem anderen steigt an einer Hütte oder einfach irgendwo aus. Die Sonne geht über der Savanne auf. Es ist unser letzter Tag in Afrika. Fürs Erste. Der Fahrer will nicht am Flughafen halten, aber das habe ich schon geahnt, denn ich weiß, daß die Taxis aus der Innenstadt nach Niamey Flughafen ziemlich überhöhte Preise verlangen, und das pro Kopf. Also mache ich Geschrei, und der Fahrer hält doch. Wir müssen nur 100 Meter zurücklaufen. Florian will zuerst auch mit in die Stadt, ich trampe aber dann doch alleine in die City. Von den kleinen 5000 CFA Scheinen kaufe ich die Tickets nach Paris. Auf der Rückfahrt gibt es dann das erwartete Theater mit dem Taxifahrer (10 facher Preis). Ich gebe nach. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir das Geld aus Niger rausschmuggeln. Florian packt es in seinen Turnschuh, ich in eine Teedose am Fuße meines schlauchförmigen Leinensackes, den ich als „Kulturbeutel“ habe. Über die Teedose schichte ich Rasierer, Tabletten, Kompaß, Ohrenbohrer, Taschenmesser, Schnur usw. Die Zöllner wissen genau, daß wir Autos verkauft haben. Sie sehen es am Gepäck, zum Beispiel an der ausgestielten Schaufel, die ich Hubert zurückbringen muß.
Beim Filzen soll ich den Sack ausleeren und halte dabei die Teedose am Boden des Sackes fest. Der Trick gelingt. Florian hat sein Geld in seinem stinkendem Turnschuh unter die Innensohle gepackt, und zwar auf der Seite mit dem kürzeren Bein; die Leibesvisitation endet am Knöchel. In der Wartehalle nach dem Check-In halten wir uns wegen eventuell versteckter Kameras mit unserer Freude über den gelungenen Coup etwas zurück.
Irgendwann sitzen wir im Flugzeug und lassen nach einer Zwischenlandung in Noukachott/Mauretanien den afrikanischen Kontinent hinter uns.
In Paris empfängt uns Europa und zeigt sich von seiner schlechten Seite. Aber davon will ich nicht berichten. Wir setzen uns in den Nachtzug nach Straßburg, wo wir die CFA ohne Verlust und Gebühr in harte Währung tauschen.
Tja, das war die Reise, die uns gemächlich von der Geschäftigkeit Europas durch die Härte der Sahara zur Warmherzigkeit Schwarzafrikas führte. Denn Polizeistaat hin oder her; in Afrika fühlt man ein anderes Leben. Es pulsiert ständig um einen herum. Wer schon dort war, weiß bestimmt, was ich meine.

Tips für die Wüste und auch sonst

Schweißen kann man mit ein oder zwei Autobatterien, und, unerläßlich: dünne Schweißelektroden
Anlassen Wenn der Anlasser streikt kann man ein Auto im Sand nicht anschleppen, da die Räder blockieren würden. Man wickelt ein Seil auf ein hochgebocktes Antriebsrad, legt den entsprechenden Gang ein und zieht den Motor mit dieser "Reißleine" mit einem anderen Wagen an
Reifenwechsel Den Reifen kriegt man aus dem Felgenbett, indem man mit einem anderen Auto drauffährt. Dann: Montierhebel.
* Nach der Schmidt´schen Härteskala von 1 bis 10 † Ein Mann vom Volk der Tuareg ‡ trockenes Flußbett § engl.: schlückchenweise trinken ** Seemannsausdruck für kurzes Stück Seil * †† spanisch: schlechte Angelegenheit ‡‡ frz.: man muß ganz sachte fahren, und man kommt an §§ Spinnenart *** frz.: Wo ist ihr Feuerlöscher? ††† Frz.: Hör´ mal, mein Bruder...